My Generation – Prof. Moritz Eggert

Wir alle bewegen uns in einer bestimmten Altersbubble, wenn es um soziale Medien geht. Und die schlimmste Altersbubble ist vermutlich Facebook.

Ich weiß nicht warum, aber so ziemlich das Einzige, was mir in letzter Zeit angezeigt wird, sind Posts von Menschen meiner Generation (der „Boomer“), die sich bitterlich und immer wieder neu über irgendetwas beschweren. Meistens über das, was junge Menschen so treiben.

Über böse „Klimakleber“. Über die „Vergewaltigung“ der deutschen Sprache durch das schlimme „Gendern“. Über Drag Queens im Kindergarten („also ich bin ja tolerant, aber das geht dann doch zu weit“). Über den angeblichen Niedergang von irgendetwas, meistens der Deutschen Bahn. Im besten Fall sind diese Posts ironisch oder witzig (dann kann man sie ertragen, vor allem wenn sie sich selbst nicht ernst nehmen). Im schlimmsten Fall sind es aber bräsige, erzkonservative, nicht selten ultrarechte Kommentare von langsam alternden Neospießern, die nicht damit zurechtkommen, dass die heutige Welt anders ist, als sie es seit je her gewohnt sind.

Alte Zausel wie Didi Hallervorden, über den man das letzte Mal mit drei Jahren gelacht hat und der selbst in seinen besten schauspielerischen Momenten nie mehr als einen halbverständlichen genuschelten Satz hinbekommen hat, wird plötzlich zum Heroen der deutschen Sprache stilisiert und ständig zitiert, weil er tapfer dem „Genderwahn“ die Stirn bietet. Boomer-Kabarettisten wie Dieter Nuhr bedienen mit komplett unwitzigen Zoten ein gleichaltes Publikum, dass genau denselben schlechten Humor („Das wird man ja doch mal sagen dürfen. Darf man? Höhö“) und aufgestauten Frust hat wie sie selbst.

Einst dachte ich, dass Menschen die „moderne“ Musik schreiben auch modern und aufgeschlossen sind. Aber viele vollführen plötzlich erstaunliche Kehrtwendungen, fangen an Putin und Trump zu verteidigen oder warnen vor eine „Überfremdung“ Deutschlands. Oder noch schlimmer: sie teilen Artikel der NZZ auf Facebook, was so ziemlich der tiefste Punkt ist, zu dem man in diesem Leben sinken kann. Aus ehemals ultralinken Marxisten werden stramme neolibertäre Neofaschisten, der Weg ist anscheinend nicht weit.

Ich kann diese endlosen Tiraden langsam nicht mehr hören. Müsst ihr so sehr daran leiden, wie sich die Welt verändert hat und auch weiterhin – so viel muss ich euch leider mit absoluter Sicherheit sagen – verändern wird? Könnt ihr nicht ertragen, dass junge Menschen über bestimmte Dinge vielleicht anders denken als ihr? Was verunsichert euch daran? Hattet ihr es nicht im Vergleich zu vielen anderen Schicksalsgenerationen besonders gut? Ohne großes Leid, ohne Kriegserfahrung, ohne Hunger, ohne Not? Oder liegt es vielleicht sogar genau daran, dass ihr so empfindlich seid? Dass ihr nie Schlimmes erleiden musstet?

Dennoch stellt sich gerade die verwöhnte Boomer-Generation in Facebook Reels als „Hardcore“ dar. Stoßen sie irgendwo an, laufen sie weiter wie Chuck Norris, während die „verweichlichte“ Generation wimmernd am Boden liegt.

Ja, da ist etwas Wahres dran. Vielleicht ist die heutige Generation tatsächlich etwas empfindsamer geworden. Und wisst ihr warum? Weil sie anders als wir noch wesentlich weniger vom alten Drill und der „Zucht und Ordnung“ mitbekommen haben, die einst in diesem Land üblich war und die gleich zwei Weltkriege entscheidend mitermöglichte. In den 50er und 60er Jahren gab es das noch.

Als ich klein war, gingen Schulrektoren noch über den Schulhof und schrien alle an, die knutschten oder auf eine Weise herumlungerten, die ihnen nicht passte. Mein erster Grundschullehrer konnte zwar toll Klavier spielen, aber wenn er Widerstand witterte, bekam man tatsächlich noch etwas auf die Finger oder eine Ohrfeige oder wurde in die Ecke gestellt. Der Mann war tatsächlich auf eine perverse Weise ok, er kannte es nur leider nicht anders. In meinem ersten Kindergarten (von gestrengen katholischen Nonnen geführt) mussten sich neue Kinder in die Mitte stellen und wurden von den anderen Kindern auf Kommando „ausgeätscht“, um Härte und Widerstand zu lernen. Heute bekämen die Damen sofort eine Anzeige von Helikoptereltern.

Vielleicht hat die heutige Generation von diesem ganzen Quatsch insgesamt weniger mitbekommen als wir. Aber seien wir nicht neidisch darauf, sondern froh. Eine empfindsame Generation, die es nicht aushält, wie wenig wir gegen den Klimawandel unternehmen und sich deswegen vielleicht manchmal auch ungeschickt an Dirigentenpulte klebt ist mir tausend Mal lieber als die unempfindsamen Generationen, die sich abgestumpft ihrem Schicksal ergeben und denen es anscheinend vollkommen wurscht ist, was mit den kommenden Generationen ist.

Klar, wir können davon ausgehen, dass die kommenden Generationen nicht perfekt sein werden. Sie werden genau wie wir Fehler machen. Aber mit jedem dieser Fehler gibt es immer wieder auch Hoffnung auf neue Einsichten, und auf diese freue ich mich. Und ihnen gehört die Zukunft. Sie haben ein Recht darauf, diese zu gestalten. Sie haben ein Recht auf ihre eigene Sprache, ja, auch auf Doppelpunkte und Gendersternchen. Sie haben ein Recht darauf, zu experimentieren, zu diskutieren und ihre eigenen Ansichten zu entwickeln. Lasst sie gerne neue Formen des Zusammenlebens und des Umgangs erforschen. Lasst Jungs sich als Frauen definieren und Frauen als Jungs. Was ist euer Problem damit, Boomer? Was wird euch genommen? Wird jetzt rückwirkend eure ganze Jugend in Frage gestellt? Ganz sicher nicht. Das alles gehört doch nach wie vor euch, einer Generation, die auch mal jung war. Mir ist es vollkommen egal, ob die kommenden Generationen in Deutschland rückwärts sprechen, Gendersternchen schnalzen oder sich die Fingernägel lackieren, solange nach wie vor Kinderlachen in den Straßen zu hören ist. Und Kinder vielleicht mal wieder wichtiger sind als Autos.

Viele von denen, die sich jetzt auf Facebook als rechte Spießer outen, standen einst mit mir auf der Hauptwache in Frankfurt, waren Punks oder Mods, rebellisch gegen die Spießer in unserer Zeit. Rebellisch gegen diejenigen, die sich ständig über uns aufregten. Über unsere Musik, unser Aussehen. Darüber, wie wir ständig „geil“ sagten, denn das war doch ein „unanständiges“ Wort. Und jetzt sind wir genau zu diesen Spießern geworden, die wir früher verachteten.

Und wie war es mit der Generation davor? Da regte man sich über „Langhaarige“ auf. Und warum? Weil man in der eigenen Jugend eine Watschn bekam, wenn die Haare zu lang wurden. Das sollte jetzt einfach so gehen? fragte sich die alte Generation. Sie waren ein bisschen neidisch, und mokierten sich. Vielleicht hätte mancher, der sich heute über LGBT oder Regenbogenfahnen aufregt, früher selbst gerne mit der eigenen Sexualität experimentiert. „Warum sollen denn die das heute so leicht gemacht bekommen?“

Auch die momentane Diskussion um den Rammstein-Frontmann Lindemann ist typisch. Wer verteidigt ihn vehement? Boomer, die exakt gleichalt wie Lindemann sind.

Es gibt ja viele Gründe, in dieser Angelegenheit mangels konkreter Anzeigen gegen Lindemann neutral zu sein. Aber bei den meisten Kommentaren hat man den Eindruck, dass die Kommentierenden vor allem deswegen beleidigt sind, weil jemand es wagt anzuzweifeln, dass es vielleicht nicht so super ok ist, wenn sich ein 60-jähriger Rockstar nach jeder Show karrenweise leicht verführbare und eher naive blutjunge Damen hinter die Bühne bringen lässt, um sie mit Alkohol oder sonst was gefügig zu machen. Denn – holla – das war doch schon immer so. So haben es doch die alten Stars auch gemacht, die man in seiner Jugend verehrte. Und damals hat doch niemand etwas gesagt. Die „Girls wollen das doch so“. Habt ihr sie Mal gefragt? Redet ihr mit ihnen? Auf Facebook werdet ihr kaum „girls“ finden, eher alte Säcke, die sich gemeinsam mit euch darüber aufregen können, dass man „nichts mehr darf“.

Und natürlich seid ihr auf diese Stars neidisch. Die nahmen sich genau das, was heute nicht mehr geht. Und „Rammstein“ repräsentiert genau diesen alten Rockstartraum. Und dass sie dann noch das „r“ so herrlich rollen und mit Leni-Riefenstahl-Ästhetik kokettieren macht sie genau für die sympathisch, die das eh alles insgeheim immer supi fanden, aber sich nie trauten, das zu sagen. Die sich wie die verpupste Rechtssocke Bernd Höcke oder der grimmige Cellonazi Matthias Moosdorf ständig erträumen, mal jemand „ganz Wichtiges“ zu sein in diesem Land. F**** euch, braune Boomer.

Jedem oder jeder das seine. Oder, wie ich sagen würde, jedi das seine. Denn das ist nicht nur inklusiv, sondern klingt auch lustig. Und mal ehrlich – ein bisschen mehr Humor und Lockerheit könnten wir Deutschen vertragen, denn wir leiden nach wie vor darunter, dass man einst die lustigsten und humorvollsten Deutschen entweder vertrieb oder in der Gaskammer umbrachte. Das war ein gigantischer Talentschwund, den wir bis heute spüren.

Ich kann verstehen, dass junge Menschen in Scharen Facebook verlassen und sich lieber nur Bildchen schicken. Wenn ich an meine eigene Jugend denke: was für ein Alptraum wäre es gewesen, wenn es damals ein öffentliches Forum gegeben hätte, auf dem sich jeden Tag Menschen darüber aufregen, was junge Menschen anziehen, wie sie sprechen und wie sie aussehen. Hätte ich mir das freiwillig angetan? Ganz bestimmt nicht.

Lasst mich einfach damit in Ruhe, Boomer. Lasst mich in Ruhe mit eurem Frust, mit eurem Gejammer, eurem ständigen Beschwören der Apokalypse, weil angeblich an jeder Ecke vergewaltigende Horden von Flüchtlingen lauern. Eure Angst vor Drag Queens im Kindergarten sagt viel mehr über eure eigene Sexualität aus, als euch lieb ist. Denn ihr könnt sicher sein: anders als ihr denken Kinder ganz bestimmt nicht an Sex, wenn Männer sich als Frauen verkleiden. Ihr tragt eure Neurosen am Revers, und merkt es noch nicht Mal. Vielleicht wollt ihr auch nur mal in den Arm genommen werden. Am besten von einer Drag Queen. Traut euch, es ist nie zu spät. Ihr könnt jederzeit ein weniger gewöhnliches Leben leben, als ihr es bisher gewagt habt. Das geht auch noch mit 90, wenn man es wirklich will.

Das Schlimme ist: wir/ihr sind/seid in der Mehrheit. Es gibt zu wenig Jugend in diesem Land. Sie sind in der Minderheit. Und das ist nicht gut für unsere Gesellschaft. Denn nun leben die Alten weiterhin in der Illusion, dass Sie allein das Recht auf die Zukunft besitzen, was nicht richtig ist.

Das Recht auf Zukunft haben wir alle. Natürlich auch alte und natürlich auch sehr alte Menschen. Es gibt wunderbare alte Menschen, die sich ihre Neugier bewahrt haben und die der Jugend alles gönnen, weil sie selbst genug erlebt haben und daher nicht ständig miesnickelig sein müssen.

Aber das meiste Recht auf die Zukunft haben natürlich die Jungen. Live with it.

Wir alle sind Teil eines rätselhaften Daseins, das wir nur teilweise verstehen und auf das wir nur ungenügende Antworten haben. Lasst es uns so angenehm wie möglich gestalten, vor allem das Miteinander.

Es ist ok, Boomer.  Versteht, dass endlose Generationen vor euch genau dieselben Fehler wie ihr gemacht haben. Erst selbst Rebellion sein, dann vor der nächsten Rebellion erschrecken, als ob es kein Morgen gäbe.

Aber genau dieser Morgen ist das, was uns Hoffnung machen sollte. Selbst wenn wir uns dem eigenen Abend nähern.

 

Moritz Eggert, Komponist aus München

Grundsätzlich nimmt sich das Projekt zweier Problemfelder der klassischen Musik an und versucht auf eigene Weise einen Beitrag dazu zu leisten.

  1. Vermag nicht-vokale klassische Musik eine politische Botschaft zu vermitteln und wird in solchen Fällen die Symphonie zur Programmmusik bzw symphonischen Dichtung?
  2. Wie steht es um die Vermittlung klassischer (zumal in unserem Fall moderner klassischer) Musik an die Jugend? Welche Parameter (Rhythmus, Dauer, Verbildlichung etc) können dazu herangezogen werden?

 

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Nach militärischen Mißerfolgen und nach der Sitzung des Großen faschistischen Rates am 25. Juli 1943 wird der Führer Italiens Benito Mussolini, genannt il Duce, gestürzt und inhaftiert. Sein Amtsnachfolger, der Faschist Pietro Badoglio, erklärt am 8.September 1943 einen einseitigen Waffenstillstand mit den Alliierten Truppen, welche im Begriff sind, Italien von Süden her zu erobern. Dies hat zwei gravierende Konsequenzen: 1.Das nazionalsozialistische Deutschland „befreit“ wenige Tage danach den inhaftierten Duce aus seiner Haft am Gran Sasso und ordnet die Gründung der Republica sociale italiana in Salò sul Garda an. 2.Die versprengten italienischen Truppenteile im Norden des Landes versuchen einerseits nach Süden zu gelangen. Vielen Soldaten aber ist der Weg zu gefährlich und sie werden zu Keimzellen des sich formierenden Widerstandes gegen das nazionalsozialisische Deutschland und seine Marionettenregierung in Salò.

Nach einem Partisanenkampf, der in der europäischen Geschichte seinesgleichen sucht, wird am 25.April 1945 auch der Norden des Landes befreit. Das folgende Werk nähert sich in Metaphern der furchtbaren Zeit zwischen 1921 und 1945. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des folgenden Werkes hatte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt sind wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wird. Im Film und der Symphonie gehen wir in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein. Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Es wird behauptet, dass der jeweilige Gegner (sei es die Ukraine oder sei es dieNato) ein nationalsozialistisches Führungspersonal hätte. Auch in westlichen Medien taucht im Gegenzug immer wieder der Vorwurf auf, dass das russische Regime faschistisch sei, wenn auch in ungleich geringerer Frequenz. 

Ungeachtet der politischen Kurzsichtigkeit, die ein solches Argument zwangsläufig beinhaltet, ist es doch erstaunlich, bei wie vielen russischen Staatsbürgern und bei wie vielen Angehörigen der westlichen Kultursphäre ein solches Statement verfängt. 

In der Vorbereitung zu meiner symphonischen Dichtung „8.September“ habe ich mit zahlreichen Angehörigen der ANPI (assiciazione nazionale dei partigiani italiani) gesprochen, mit politisch uninteressierten „Normalitalienern“ und naturgemäß die historische Standardliteratur zum Thema Faschismus und Partisanen in Italien gewälzt. Bei der Frage nach einer Definition des Faschismus konnten mir die wenigsten weiterhelfen. 

Das psychologische Profil des „Proto-Faschisten“ sollte aber der Inhalt des 1.Satzes meines symphonischen Werks werden, sodass es in den letzten beiden Jahren schon Momente gab, in welchen ich das Vorhaben schon fast aufgegeben hätte. 

Erst die kurze Abhandlung „Faschismus, eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung“ von Roger Griffin hat mich in meinem Vorhaben wieder bestärkt. Die Definition „ein auf Mythen basiertes palingenetisches Narrativ einer ‚Ultranation“ist für mich schon sehr schlüssig und erleichterte mir die Komposition des 1. und dzt auch den 2. Satzes. inwiefern diese Definition auch auf den derzeitigen Zustand des russischen Staates zutrifft, überlasse ich jedem Einzelnen.

Die Komposition ist wohl als Akt einer persönlichen Psychohygiene zu verstehen und als Versuch des Erkenntnisgewinns.