Resistenza – Symphonie und Film

„Resistenza“ Op. 39 ist eine dreisätzige Symphonie von Alfred Huber.

FormDreisätzige Symphonie
Dauerca. 25 Minuten
BesetzungGran orquesta sinfónica (Besetzungsliste)
FilmAnimation als Hinterwandprojektion zur Symphonie

Der dazu entstehende Animationsfilm ist als integraler Teil des Werks vorgesehen und soll gemeinsam mit der Symphonie als Hinterwandprojektion aufgeführt werden.

Tráiler

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Musikbeispiel

Aus dem 1. Satz von „Resistenza“ Op. 39

Resistenza: Musik und Film verbinden

Mit dem eigens zu Alfred Hubers Symphonie „Resistenza – 8. September“ entstandenen Film wollen wir zeitgenössische Musik leichter zugänglich machen.

Sogenannte „Neue“ Musik (also aktuell entstehende, zeitgenössische, Musik) ist für viele Menschen schwer zu verstehen. Aus unserer Sicht liegt das auch daran, wie manche Werke aufgebaut sind. Zwar zeigen sie, wie vielschichtig unsere Welt ist. Doch ihre Form kann den Zugang erschweren. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, neue Musik sei nur für einen kleinen Kreis gedacht. Das kann wiederum ihre politische Wirkung begrenzen.

Deshalb wollen wir neue Wege zu dieser Musik öffnen. Bilder prägen heute stark, wie wir die Welt sehen. Daher verbinden wir Musik mit Film. Die Bilder sollen helfen, die oft abstrakten Klänge besser zu verstehen. Auf diese Weise wollen wir unsere Gedanken vermitteln und zum Gespräch anregen.

Kunst, Politik und das gute Leben

Schon Aristoteles sah den Menschen als ein Wesen, das von Natur aus zu einer politischen Gemeinschaft gehört. Dabei geht es um mehr als das bloße Zusammenleben. Diese Gemeinschaft, die Polis, soll ein gutes Leben möglich machen.

Fast 2.500 Jahre später haben westliche Demokratien viel erreicht. So ist der Staat an Recht und Gesetz gebunden. Zudem bieten soziale Hilfen Schutz in Not. Außerdem können viele Menschen die Politik mitgestalten. Dennoch sind Geld, Chancen und Einfluss weiter ungleich verteilt.

Seit einigen Jahren wächst die Sorge um die Demokratie. Populisten werben mit einfachen Lösungen für komplexe Probleme. Zugleich finden Mythen über geheime Mächte Gehör. Die Debatten werden schärfer, während die Bereitschaft zum Gespräch abnimmt. Damit wird der offene Austausch schwieriger. In vielen Ländern stehen zudem die Demokratie und ihre Einrichtungen unter Druck.

Bildung und der Zugang zur Politik

Studien zeigen: Bildung, Interesse an Politik und die Art, sich politisch einzubringen, hängen zusammen. Allerdings folgt daraus nicht, wen ein Mensch wählt. Ebenso wenig lassen sich damit einfache Urteile über ganze Gruppen begründen.

Darüber hinaus können weitere Dinge eine Rolle spielen:

  • Wie sicher Menschen leben und ob sie Angst um ihre Zukunft haben.

  • Was sie in ihrer Region erleben.

  • Welche Medien sie nutzen.

  • Ob sie sich von der Politik gehört fühlen.

Auch der politische Streit hat sich verändert. Dabei bleibt die Sorge um Geld und Arbeit wichtig. Zugleich prägen ungleiche Chancen auf Bildung und politischen Einfluss die Debatte. Rechte Populisten greifen solche Sorgen auf. Daraus machen sie einfache Geschichten über die Politik.

Was wir selbst tun können

Wenn der Streit immer härter wird, kann man sich machtlos fühlen. Trotzdem gibt es Wege, sich einzubringen. Zum Beispiel können wir uns informieren, mit anderen reden und uns für Kunst und Kultur einsetzen. Dabei gilt es auch, andere Sichtweisen ernst zu nehmen.

Bildung und Kunstverständnis bedeutet für uns deshalb mehr als Wissen. Sie sollen helfen, selbst zu urteilen und die Sicht anderer Menschen zu verstehen. Zugleich gehört dazu, politische Gegner als Teil der Demokratie anzuerkennen. Denn eine Demokratie braucht Raum für einen freien und fairen Streit.

Musik, Film und der Blick in die Geschichte können dafür Raum schaffen. So können sie zeigen, wie andere Menschen leben und was sie erlebt haben. Dadurch lassen sich neue Sichtweisen entdecken. Außerdem können wir auf diesem Weg über Unterschiede und Widersprüche ins Gespräch kommen.

Quellenhinweise: Aristoteles, Política I,2; Bernhard Weßels, Sozialbericht 2024 (bpb); V-Dem Institute, Democracy Report 2026.

Blogartikel zur Symphonie

Auslöser

Angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart begannen wir während eines Covid-bedingten Lockdowns mit dem Projekt Resistenza. Aus innerfamiliären Gesprächen entstand nach und nach ein größerer Austausch mit Freunden, musikalischen Weggefährten, Studienkollegen und Lehrenden aus dem Bereich Digital Arts. Zunächst trieb uns ein allgemeines Unbehagen am populistischen Zeitgeist von rechts wie links an. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wurde uns jedoch klar, dass auch Einzelne Position beziehen können. Die wechselseitige Behauptung, der jeweilige Gegner sei faschistisch oder gar nationalsozialistisch, zeigt, wie unscharf diese Begriffe in politischen Auseinandersetzungen verwendet werden. Pauschal auf ganze Gruppen angewandt, transportieren sie häufig eher die Vorstellung eines allgemeinen „Bösen“ als eine historisch oder politikwissenschaftlich präzise Einordnung. Eine hilfreiche Einführung bietet Roger Griffins „Fascism: An Introduction to Comparative Fascist Studies“.

Neue Musik und Film

Wie verknüpft man Politik, Film und Musik? Wissenschaft prüft Theorien anhand von Fakten und Daten. Kunst geht anders vor: Sie kann sich von Wissenschaft inspirieren lassen, stellt aber eher Fragen, als dass sie eindeutige Antworten gibt. Ihre Chiffren und Metaphern sind nicht immer selbsterklärend; das gilt besonders für Musik. Ein zweites Medium, in unserem Fall der Film, kann Zusammenhänge verdeutlichen. Werden erneut Chiffren und Metaphern verwendet, kann es den Inhalt jedoch auch rätselhafter machen. Uns war von Anfang an bewusst, dass dieses Vorgehen das Publikum fordert. Wir haben deshalb Kontexte hergestellt, die manchen als Kategorienfehler erscheinen mögen, uns aber halfen, die große Menge an Material zu bündeln.

Musik und Film als Metapher

Damit sind wir beim ersten Satz der Symphonie. Für die künstlerische Annäherung konzentrierten wir uns von Beginn an auf den italienischen Faschismus. Adornos viel diskutierte Bemerkung „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ war dabei präsent. Die nationalsozialistischen Verbrechen stellen jede künstlerische Darstellung vor grundlegende ethische und ästhetische Fragen. Der Blick auf den italienischen Faschismus erschien uns deshalb als geeigneterer Zugang. Gewalt bleibt auch dort schwer darstellbar; Musik kann jedoch Formen von Spannung, Bedrohung und Eskalation erfahrbar machen, ohne sie lediglich zu illustrieren. Betrachtet man aktuelle populistische Standpunkte und Argumente früher Faschisten der 1920er-Jahre, treten wiederkehrende Motive hervor: Neid, Gier, Trägheit, Stolz, Machtstreben und Zorn. Der Bezug auf die klassischen christlichen Todsünden, die Dante Alighieri in seiner Divina Commedia mit drastischen Strafen verknüpft, lag daher nahe. Dantes Schreiben und seine persönliche „Resistenza“ gegen eine in seinen Augen entmenschlichte und grausame florentinische Politik bilden seit Beginn der Verfilmung einen Bogen über das Projekt und prägen dessen Chiffren und Metaphern.

1. Satz

Der erste Satz wird musikalisch und filmisch zum Traum des Dichters, der vor den politischen Folgen menschlicher Hybris und Gewalt warnt. Dantes Florenz dient dabei als historischer Resonanzraum; die Erfahrungen Italiens im 20. Jahrhundert bilden den zweiten Bezugspunkt. Dante selbst tritt mehrfach auf und wird als Protagonist der „Herzensbildung“ am Ende des ersten Satzes von Mussolini in den Abgrund gestürzt. Zuvor werden an einem Urmenschen exemplarisch die Auswirkungen von Trägheit, Machtstreben, Gier, Neid, Zorn und Stolz dargestellt. Musikalisch bewegen wir uns zwischen Chiffrenbildung als persönlicher Verarbeitung und klassischer Programmmusik, wobei verschiedene Kompositionstechniken zum Einsatz kommen. Film und Musik sollen jeweils für sich stehen können und sich im Idealfall bei einer gemeinsamen Aufführung ergänzen. Mit Blick auf die Divina Commedia befinden wir uns im Purgatorium.

2. Satz

Die Verfehlungen erscheinen zunächst noch korrigierbar; der zweite Satz führt dann in raschem Tempo in die Katastrophe und ist dem Inferno nachempfunden. Der Aufstieg des Faschismus erscheint nun unumkehrbar. Mussolinis antisemitische Rede vom 18. September 1938 in Triest, in der er die rassistische Politik des Regimes öffentlich propagierte, wird bereits in Takt 9 zum rhythmischen Modell des Trompeteneinsatzes. Musikalisch geht es zunächst noch ein wenig aufwärts; eine organisierte Resistenza existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ab Takt 63 setzt eine Lawine ein, die alles unter sich begräbt. Während des minutenlangen Abstiegs werden im Sinne Roger Griffins zentrale Mythen des Regimes evoziert: kulturelle Überlegenheit, das Zentrum der Weltkirche, die vittoria mutilata des Ersten Weltkriegs – als italienische Entsprechung zur deutschen Dolchstoßlegende – und schließlich der Futurismus. Der Satz mündet in Bilder von Blut und Gewalt. Ab Takt 153 dominiert die Hölle der Gewalttäter und Verräter. Wie Dantes Inferno endet auch der zweite Satz nicht mit den Gewalttätern und ihrem Blutstrom, sondern in der Kälte des Verrats. Davon ist auch die Resistenza nicht ausgenommen. Am Ende erfrieren alle; nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft leitet zum dritten Satz über. Der zweite Satz endet mit der Partituranweisung „scharf abreißen“.

3. Satz

Der 25. April 1945, an den heute als Tag der Befreiung erinnert wird, beendete die Gewalt nicht abrupt. Schätzungen zufolge wurden im ersten Jahr nach Kriegsende etwa 10.000 Menschen summarisch hingerichtet. Die junge Republik entstand somit in einer Phase anhaltender politischer Abrechnung und Gegengewalt. Der italienische Staat hatte einen schweren Beginn. Die musikalischen Themen des ersten Satzes nehmen wieder Gestalt an, nun tonaler und beruhigter. Der Wiederaufbau liegt im Interesse aller, der Blick richtet sich auf die Gestaltung des künftigen Staates: Soll Italien wieder eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik werden? Beim Referendum vom 2. und 3. Juni 1946 stimmten 54,27 Prozent für die Republik und 45,73 Prozent für die Monarchie. Ab Takt 25 übernimmt eine mehrstimmige Fuge langsam das musikalische Geschehen. Die Polesine-Flut von 1951, die im 1953 erschienenen Film Il ritorno di Don Camillo aufgegriffen wird, führt die musikalische Erzählung noch einmal in chaotische Verhältnisse. Historisch war sie die erste große Naturkatastrophe der jungen Republik und löste eine breite Solidaritätsbewegung aus. Danach beginnt jene rund siebzigjährige Phase, auf die wir heute zurückblicken.

Fragen an die Zukunft

Ist es in diesen Jahren gelungen, die Menschen vom Wert der Vernunft zu überzeugen? Kann eine Partei wie Fratelli d’Italia den Weg der italienischen Verfassung weitergehen? Wie steht es mit anderen populistischen Parteien in Europa? Stehen wir vor ihrer Normalisierung und Einbindung in den Verfassungsbogen oder vor einer neuen faschistischen Welle? Niemand weiß es. Solange dies so ist, sollten wir wachsam sein. Dante hat seinen Fiebertraum ausgeträumt. Sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch; der Tanz der Sterne, mit dem sein Paradiso endet, weist dunkle Flecken auf. Dieser Skepsis ist unsere Symphonie op. 39 „Resistenza“ gewidmet.

Quellenhinweise