Schallwelten · Folge 43 · 28. September 2026
Beitragsbild: Bartolomeo Cristofori, Hammerflügel, Florenz 1720. The Metropolitan Museum of Art, The Crosby Brown Collection of Musical Instruments, 1889. Gemeinfrei (Public Domain).
Ein C-Dur-Akkord scheint eine eindeutige Sache zu sein: C, E und G. Drei Tasten, ein vertrauter Klang. Doch dieselben Noten können unterschiedlich wirken. Einmal ruht der Akkord in sich, ein anderes Mal scheint sich in seinem Inneren etwas zu bewegen. Dafür muss niemand eine falsche Taste anschlagen. Es genügt, die Abstände zwischen den Tönen ein wenig zu verändern.
In Folge 43 von Schallwelten gehen Alfred und Johannes Huber einer Frage nach, die vom Klavier weit über die Musik hinausführt: Wie schaffen wir eine gemeinsame Ordnung, wenn sich nicht alle Wünsche gleichzeitig erfüllen lassen? Ihre Reise führt durch historische Stimmungen, digitale Filmbilder und die politische Kunst des Kompromisses.
Was bedeutet Stimmung in der Musik?
Wer „Stimmung“ hört, denkt vielleicht zuerst an gute Laune, einen angespannten Raum oder das Licht eines Sonnenuntergangs. Musiker denken auch an Saiten, Stimmwirbel und die Frage, ob ein Instrument noch richtig klingt. Johannes erinnert daran, dass sich Instrumente unter wechselnden Bedingungen verstimmen können. Doch die historische Frage der Temperierung reicht tiefer.
Ein gemeinsamer Kammerton legt einen Ausgangspunkt fest. Ein Stimmungssystem regelt dagegen die Beziehungen zwischen den Tönen: Wie weit liegt das E über dem C? Welchen Abstand hat das G? Gerade bei Tasteninstrumenten müssen diese Entscheidungen weitgehend vor dem Spielen getroffen werden. Eine Sängerin oder ein Cellist kann die Tonhöhe während eines gehaltenen Tons anpassen. Eine Cembalotaste kann das nicht.
Dabei ist „rein“ zunächst ein akustischer Begriff. Er bezeichnet bestimmte einfache Frequenzverhältnisse. Eine reine Oktave hat das Verhältnis 2:1, eine reine Quinte 3:2 und eine reine große Terz 5:4. Daraus entsteht allerdings noch kein widerspruchsfreies System für sämtliche Tonarten.
Warum sich zwölf reine Quinten nicht schließen
Beginnen wir bei C und gehen in reinen Quinten weiter: C, G, D, A, E und so fort. Auf der gewöhnlichen Klaviatur führt diese Reise nach zwölf Schritten wieder zu einem C, mehrere Oktaven höher. Akustisch landen wir jedoch ein kleines Stück darüber.
Zwölf reine Quinten ergeben mehr als sieben reine Oktaven. Diese Differenz heißt pythagoreisches Komma. Auch drei reine große Terzen ergeben zusammen keine reine Oktave; hier fällt das Ergebnis etwas zu klein aus.
Das ist kein Fehler des Klavierstimmers. Auf einer Klaviatur mit zwölf festen Tönen pro Oktave lassen sich reine Oktaven, Quinten und große Terzen nicht überall gleichzeitig verwirklichen. Man muss einzelne Abstände verändern. Diese gezielte Anpassung nennt man Temperierung.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Welche Abweichungen nehmen wir in Kauf, und welche musikalischen Möglichkeiten gewinnen wir dadurch?
Mitteltönige Stimmung: schöne Terzen, begrenzte Wege
Die Viertelkomma-mitteltönige Stimmung setzt einen deutlichen Schwerpunkt: Viele große Terzen sollen rein klingen. Dafür werden die Quinten etwas enger gestimmt. Verfolgt man vier solcher Quinten von C bis E und versetzt das E in die passende Oktave, erhält man die reine große Terz.
Das kann Akkorden eine besondere Ruhe geben. In der Folge führt ein Stück von Girolamo Frescobaldi in diese Klangwelt. Auch die chromatischen Schritte verdienen Aufmerksamkeit: Die Halbtöne sind in diesem System nicht alle gleich groß.
Der Preis zeigt sich beim Wechsel in entferntere Tonarten. Eine schwarze Taste muss auf einer üblichen Klaviatur etwa sowohl Gis als auch As vertreten. In der mitteltönigen Stimmung wären das jedoch unterschiedliche Tonhöhen. Die Taste kann nur eine davon bereitstellen. Bestimmte Verbindungen werden dadurch auffällig scharf; besonders bekannt ist die sogenannte Wolfsquinte.
Eine Stimmung kann also manche Zusammenklänge besonders überzeugend gestalten und zugleich andere harmonische Wege erschweren. Was musikalisch sinnvoll ist, hängt vom Stück und vom Instrument ab.
Wohltemperiert: alle Tonarten, unterschiedliche Farben
Wohltemperierte Stimmungen verteilen die Abweichungen so, dass sämtliche Dur- und Molltonarten auf demselben Instrument nutzbar werden. Gemeint ist damit keine einzige, unveränderliche Stimmvorschrift. Die Folge beschäftigt sich besonders mit historischen, ungleichstufigen Lösungen.
Bei ihnen bleiben Unterschiede zwischen den Tonarten bestehen. Eine große Terz liegt in der einen Tonart näher am reinen Verhältnis als in einer anderen. Als Beispiel stellt Alfred die Stimmung Werckmeister III vor. Ein Wechsel von C-Dur nach Fis-Dur verändert hier auch die innere Färbung des Akkords.
Damit erhält die Reise durch die Tonarten eine zusätzliche Dimension. Man gelangt in einen anderen harmonischen Raum, dessen Licht sich gleichsam verändert hat.
Bachs Wohltemperiertes Klavier macht diese Vielfalt zum Programm. Der erste Teil von 1722 enthält je ein Präludium und eine Fuge in allen zwölf Dur- und zwölf Molltonarten. Jede Tonart erhält Raum für eine eigene musikalische Idee. Das Deutsche Historische Institut stellt die Sammlung mit einem Hörbeispiel vor.
Aus dem Wort „wohltemperiert“ allein folgt allerdings nicht, dass Bach zwölf exakt gleiche Halbtonschritte verlangte. Alle Tonarten spielen zu können und alle Tonarten gleichmäßig zu temperieren sind zwei verschiedene Anforderungen.
Gleichstufig: Bewegungsfreiheit durch Gleichmäßigkeit
Die heute vertraute gleichstufige Stimmung teilt die Oktave in zwölf gleich große Halbtonschritte. Gleich groß bedeutet dabei: Die Frequenz verändert sich jedes Mal im selben Verhältnis. Es wird nicht bei jedem Schritt dieselbe Zahl von Schwingungen pro Sekunde hinzugefügt.
Der Gewinn ist erheblich. Verschiebt man einen Akkord in eine andere Tonart, bleiben seine inneren Intervallverhältnisse gleich. Musikalische Formen lassen sich so durch das gesamte Tonsystem bewegen.
Dafür weichen etwa die großen Terzen vom reinen Verhältnis ab. Kleine Tonhöhenunterschiede misst man in Cent; ein gleichstufiger Halbton umfasst 100 Cent. Die reine große Terz misst rund 386 Cent, die gleichstufige 400. Bei der Quinte beträgt der Unterschied dagegen nur etwa zwei Cent.
Ob und wie deutlich wir das hören, hängt vom Klang, seiner Dauer und unserer Erfahrung ab. Wer mit gleichstufig gestimmten Klavieren aufgewachsen ist, empfindet deren Akkorde meist als selbstverständlich. Die Hörvergleiche der Folge laden dazu ein, diese Vertrautheit genauer zu untersuchen.
Was Filmbilder mit dieser Frage verbindet
Johannes schlägt die Brücke zur digitalen Bildverarbeitung. Auch eine Kamera bildet die Welt mithilfe festgelegter Systeme ab. Licht und Helligkeit werden in Zahlen übersetzt, gespeichert und für die Wiedergabe auf einem Bildschirm aufbereitet.
Der Fernsehstandard Rec.709 legt unter anderem Primärfarben, Weißpunkt und die Übertragung des Kamerasignals fest. Solche Festlegungen sorgen dafür, dass Bildsignale nach gemeinsamen Regeln verarbeitet werden können. Die technische Grundlage beschreibt die ITU-Empfehlung BT.709.
Viele Kameras können mit einem Log-Profil aufnehmen. Ohne passende Aufbereitung wirken solche Bilder oft flach und kontrastarm. Eine LUT, eine Look-up Table, ordnet Eingangswerten andere Ausgangswerte zu. Sie kann zur technischen Umwandlung dienen oder einen gestalterischen Look erzeugen. Entscheidend ist, dass die Umwandlung zum aufgenommenen Signal passt. Apple erläutert diese Unterscheidung am Beispiel von Kamera-LUTs und kreativen LUTs.
Eine ungeeignete Verarbeitung kann Farben und Kontraste verfälschen. Werden feine Abstufungen verloren oder zu stark auseinandergezogen, können sichtbare Stufen entstehen: sogenanntes Banding.
Die Parallele zur musikalischen Stimmung hat dabei eine Grenze. Das pythagoreische Komma und digitale Farbverarbeitung beruhen auf unterschiedlichen technischen Problemen. Gemeinsam ist ihnen die Frage, wie ein System beschaffen sein muss, damit es bestimmte Möglichkeiten eröffnet – und welche Einschränkungen damit verbunden sind.
Was sich daraus für die Politik fragen lässt
Die politische Verbindung beginnt schon beim Wort „Stimmung“. Dieselbe Botschaft kann in einer zuversichtlichen Gesellschaft anders ankommen als in einer verunsicherten. Auch die Wortwahl setzt einen Rahmen: Wird eine Ausgabe als „Investition“ oder als „Belastung“ bezeichnet, rücken unterschiedliche Gesichtspunkte in den Vordergrund.
Beim Kompromiss geht es jedoch um mehr als die Wirkung einer Botschaft. Unterschiedliche Interessen brauchen gemeinsame Regeln, unter denen sie miteinander streiten und Entscheidungen treffen können. Das Bild der wohltemperierten Stimmung ist dafür anregend: Alle erhalten Zugang, ohne dass die Unterschiede verschwinden müssen.
Die gleichstufige Stimmung führt zu einer weiteren Frage. Gleiche Regeln können ein gemeinsames Verfahren ermöglichen. Menschen bringen jedoch unterschiedliche Ausgangsbedingungen mit. Deshalb muss politische Fairness auch berücksichtigen, wie eine Regel konkret wirkt.
Aus einem Tonsystem lässt sich keine politische Ordnung ableiten. Ein Akkord ist keine Gesellschaft, und Menschen sind keine Tasten. Die Folge nutzt den Vergleich, um über den Umgang mit Unterschieden nachzudenken. Im demokratischen Streit zählen neben Verständigung auch überprüfbare Tatsachen, Rechte und Verantwortung. Eine Mehrheit muss entscheiden können, ohne die Minderheit zum Schweigen zu bringen.
Eine Einladung zum genaueren Hinhören
Mitteltönige, historische wohltemperierte und gleichstufige Stimmungen geben unterschiedliche Antworten auf dasselbe Problem. Wer ihre Möglichkeiten hört, entdeckt in vertrauten Akkorden neue Einzelheiten. Hinter C, E und G stehen mathematische Verhältnisse, handwerkliche Entscheidungen und eine lange Geschichte des Hörens. Alfred bringt es am Ende der Folge auf den Punkt: „Die Tasten bleiben gleich. Die Stimmung macht den Unterschied.“
Die Musikbeispiele führen von Frescobaldi über Bachs Wohltemperiertes Klavier bis zu Schostakowitschs Präludium Nr. 2 aus op. 87. Sie laden dazu ein, die Unterschiede mit den eigenen Ohren zu erkunden.
Welche Stimmung überzeugt euch – und verändert sich euer Eindruck, sobald ihr wisst, worauf ihr hören könnt? Weitere Folgen und begleitende Beiträge findet ihr auf unserer Schallwelten-Seite.
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