Die Angst vor dem Auftritt – Lampenfieber – ist ein Phänomen, das fast jede Musikerin und jeden Musiker irgendwann trifft. In der aktuellen Episode des Podcasts „Schallwelten“ beleuchten Johannes Huber (Digital Arts), sein Vater Alfred Huber (Neurochirurg und Komponist) und die Mentaltrainerin Marion Janda (Musikhochschule Wien) das Thema aus neurobiologischer, künstlerischer und mentaler Perspektive. In diesem Blogpost fassen wir die wichtigsten Erkenntnisse und Tipps aus dem Gespräch zusammen, gehen auf die Hintergründe ein und geben praxisnahe Empfehlungen, wie Musikerinnen und Musiker ihre Angst nicht nur bewältigen, sondern sogar kreativ nutzen können.
1. Die neurobiologischen Grundlagen der Angst: Was passiert im Gehirn?
Die vier Phasen der Angstreaktion
Alfred Huber erklärt, dass Angst ein evolutionär verankerter Überlebensmechanismus ist, der in vier Phasen abläuft:
Flucht (Flight):** Die sofortige Reaktion, sich einer Gefahr zu entziehen.
Bewegungsunfähigkeit (Freeze):** Erstarren, um nicht entdeckt zu werden.
Defensive Aggressivität (Fight):** Aktive Verteidigung gegen die Bedrohung.
Unterwerfung (Submit):** Aufgabe, wenn alle anderen Strategien versagen.
Diese Reaktionen sind tief im Gehirn verankert und werden durch Strukturen wie die Amygdala (Angstzentrum) und den Hippocampus (Gedächtnis, insbesondere für negative Erfahrungen) gesteuert.
Wichtige neuroanatomische Aspekte
Amygdala:** Steuern Angstreaktionen, aktivieren das sympathische Nervensystem (z.B. Herzrasen, Schwitzen).
Hippocampus:** Speichert negative Erinnerungen, beeinflusst die emotionale Verarbeitung.
Inselkortex:** Verarbeitet Schmerz und ästhetische Reize – erklärt, warum Musik starke Emotionen auslösen kann.
Expertentipp:
Das Wissen um diese Mechanismen kann bereits entlastend wirken. Wer versteht, dass Zittern, Schwitzen oder Kältegefühl normale Schutzreaktionen sind, kann diese Symptome besser akzeptieren und umdeuten.
2. Lampenfieber als Energiequelle: Angst verstehen und transformieren
Die Angst vor dem sozialen Ausschluss
Marion Janda betont, dass Lampenfieber oft auf einer tiefen, evolutionären Angst vor sozialem Ausschluss basiert. Fehler auf der Bühne werden unbewusst als Bedrohung für den eigenen Status in der Gruppe wahrgenommen – ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen Ausgrenzung lebensbedrohlich war.
Die Rolle von Perfektionismus und Erwartungsdruck
Beispiel Mozart:** Viele Musiker empfinden bei Mozart-Stücken besonders viel Druck, da die Erwartung an Perfektion und die Vielzahl an Meinungen zur „richtigen“ Interpretation enorm sind.
Individuelle Interpretation vs. Konformität:** Gerade bei Probespielen ist die Balance zwischen Persönlichkeit und Anpassung an Orchesterstandards eine große Herausforderung.
Expertentipp:
Erkenne, dass Perfektion ein Konstrukt ist. Erlaube dir, Fehler als Teil des künstlerischen Prozesses zu sehen und entwickle eine eigene, authentische Interpretation.
3. Praktische Strategien gegen Auftrittsangst
Marion Janda gibt konkrete Tipps, wie Musikerinnen und Musiker mit Lampenfieber umgehen können:
3.1. Akzeptanz und Umdeutung
Symptome annehmen:** Zittern, Schwitzen, Herzklopfen sind normale Reaktionen. Sie zeigen, dass dein Körper bereit ist, Höchstleistungen zu erbringen.
Positive Umdeutung:** Interpretiere die Symptome als Zeichen von Energie und Fokus, nicht als Schwäche.
3.2. Atemtechniken
Tiefe Bauchatmung:** Reduziert die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, beruhigt und zentriert.
4-7-8-Methode:** 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden halten, 8 Sekunden ausatmen – ideal vor dem Auftritt.
3.3. Mentale Vorbereitung
Visualisierung:** Stelle dir den Auftritt positiv und erfolgreich vor. Gehe den Ablauf mental durch, um Sicherheit zu gewinnen.
Gedankenstopp:** Unterbreche negative Gedankenspiralen bewusst und lenke den Fokus auf das Hier und Jetzt.
3.4. Fokus auf Freude und Flow
Freude als Gegengewicht zur Angst:** Erinnere dich an die Begeisterung, die dich zur Musik gebracht hat. Freude ist ein starker Motivator und kann Angstgefühle überlagern.
Flow-Zustand fördern:** Schaffe Bedingungen, in denen du ganz in der Musik aufgehen kannst – durch gute Vorbereitung, Rituale und bewusste Konzentration.
3.5. Umgang mit Kontrollverlust
Akzeptiere das Unvorhersehbare:** Kein Auftritt ist perfekt planbar. Lerne, kleine Fehler zu akzeptieren und flexibel zu reagieren.
Selbstmitgefühl:** Sei freundlich zu dir selbst, wenn etwas nicht wie geplant läuft.
4. Die Verbindung von Angst, Schmerz und Musik
Alfred Huber erläutert, dass Musik und Schmerz im Gehirn eng verknüpft sind. Bestimmte Akkorde (z.B. der neapolitanische Sextakkord) aktivieren dieselben Hirnareale wie chronischer Schmerz. Das erklärt, warum Musik so tief berühren – und manchmal auch schmerzen – kann.
Expertentipp:
Nutze diese emotionale Tiefe bewusst in deiner Interpretation. Erkenne, dass auch unangenehme Gefühle Teil des künstlerischen Ausdrucks sind.
5. Angst als dramaturgisches Mittel: Was Musiker von Film und Theater lernen können
Johannes Huber analysiert, wie Angst im Film erzeugt wird – etwa durch Musik, Schnitttechnik und das Spiel mit Erwartungen. Die berühmte Duschszene in „Psycho“ zeigt, dass Angst oft im Kopf entsteht, nicht durch das Sichtbare.
Übertrag auf die Bühne:
Spannung durch Kontraste:** Leise, zarte Töne können mehr Spannung erzeugen als laute Passagen.
Pausen und Stille:** Bewusst eingesetzte Stille kann die Aufmerksamkeit und emotionale Beteiligung des Publikums steigern.
6. Biografische Einblicke: Angst und künstlerisches Schaffen
Alfred Huber gibt Einblicke in Mozarts letzte Lebensmonate und zeigt, wie existenzielle Ängste (Konkurrenz, sozialer Abstieg) das künstlerische Schaffen beeinflussen. Auch Alban Bergs Violinkonzert entstand unter dem Eindruck existenzieller Bedrohung.
Expertentipp:
Künstlerische Größe entsteht oft im Spannungsfeld von Angst und Freude. Nutze beide Pole als kreative Ressource.
7. Zusammenfassung: Angst als natürlicher Begleiter – und als Chance
Angst ist normal und evolutionär sinnvoll.**
Verstehe die biologischen und psychologischen Mechanismen.**
Nutze praktische Techniken zur Regulation.**
Fokussiere dich auf Freude, Flow und Selbstmitgefühl.**
Erkenne Angst als Teil des künstlerischen Prozesses und als Energiequelle.**
8. Weiterführende Empfehlungen und Ressourcen
Buchtipp:** Joseph LeDoux – „The Emotional Brain“
Podcast-Empfehlung:** Weitere Folgen von „Schallwelten“ zu Musik, Emotion und Gesellschaft
Mentaltraining:** Workshops und Einzelcoachings bei spezialisierten Trainer:innen wie Marion Janda
Austausch:** Vernetze dich mit anderen Musiker:innen, um Erfahrungen und Strategien zu teilen
Fazit
Lampenfieber und Auftrittsangst sind keine Schwächen, sondern Ausdruck eines hochentwickelten, sensiblen Systems. Wer die Mechanismen versteht und gezielt an sich arbeitet, kann Angst nicht nur überwinden, sondern sie in kreative Energie verwandeln. Die Episode von „Schallwelten“ bietet dafür wertvolle Impulse – und macht Mut, die Bühne mit Freude und Selbstvertrauen zu betreten.
Hineinhören in die Musik, nichts überhören – die Musik ist es wert.