Musik als politische Sprache

Ein Lied kann einen Platz füllen, bevor ein Redner das Mikrofon erreicht. Es kann Trauer in eine gemeinsame Geste verwandeln, Angst hörbar machen oder eine Geschichte bewahren, die offizielle Archive ausradieren wollten. Musik als politische Sprache beginnt genau dort: nicht bei einer Parole, sondern bei der Erfahrung, dass Klang Beziehungen stiftet – zwischen Menschen, Generationen, Erinnerungen und Konflikten.

Wer Musik auf bloße Begleitung reduziert, verkennt ihre öffentliche Macht. Sie organisiert Zeit, Körper und Aufmerksamkeit. Sie gibt dem Unsagbaren eine Form, ohne es in eine fertige Botschaft zu pressen. Das macht sie politisch wirksam, aber auch anfällig für Vereinnahmung.

Politik beginnt nicht erst beim Text

Politische Musik wird häufig mit Protestsongs gleichgesetzt. Das ist verständlich, aber zu eng. Ein klarer Text kann Missstände benennen, Namen nennen, Forderungen formulieren. Doch politische Bedeutung entsteht ebenso durch Rhythmus, Besetzung, Lautstärke, Aufführungssituation und durch die Frage, wer überhaupt gehört werden darf.

Eine Hymne funktioniert nicht nur wegen ihrer Worte. Sie verlangt einen gemeinsamen Atem und erzeugt ein ritualisiertes Wir. Ein Marsch formiert Schritte. Ein Klagelied widerspricht der Zumutung, Verlust schnell zu vergessen. Auch instrumentale Musik kann politische Erfahrung verdichten: durch Brüche, bedrängende Wiederholung, erstickte Bewegungen oder eine Melodie, die sich gegen eine scheinbar geschlossene Ordnung behauptet.

Gerade in der klassischen Musik wird diese Dimension oft unterschätzt. Weil sie keinen Text liefert, gilt sie vielen als weltfern oder neutral. Aber Neutralität ist keine ästhetische Eigenschaft. Sie ist häufig eine bequeme Lesart. Werke entstehen in konkreten historischen Verhältnissen: unter Krieg, Exil, Zensur, Klassenordnung, Rassismus oder in Momenten demokratischer Hoffnung. Ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in diesen Umständen, doch sie lässt sich davon auch nicht reinigen.

Wenn Klang Erinnerung gegen das Vergessen setzt

Politische Sprache heißt nicht nur, zur Gegenwart zu sprechen. Sie heißt auch, sich gegen organisierte Amnesie zu stellen. Autoritäre Systeme leben nicht allein von Gewalt. Sie leben von Erzählungen, die Gewalt nachträglich als Notwendigkeit, Schicksal oder nationale Größe ausgeben. Musik kann solche Erzählungen bestätigen. Sie kann ihnen aber auch Widerstand leisten.

Das gilt besonders für historische Zäsuren, deren moralische Konflikte sich nicht in Jahreszahlen auflösen lassen. Der italienische 8. September 1943 etwa markiert Waffenstillstand, Zusammenbruch, Besatzung, Flucht und den Beginn unterschiedlicher Formen des Widerstands. Wer solche Geschichte musikalisch behandelt, steht vor einer schwierigen Aufgabe: Das Werk darf Leid weder dekorativ verwenden noch politische Komplexität in gefällige Gefühle verwandeln.

Eine ernsthafte musikalische Erinnerungskultur hält Spannung aus. Sie fragt nicht nur: Was ist geschehen? Sie fragt auch: Wer hatte Handlungsspielraum, wer profitierte, wer schwieg, wer widersetzte sich? Musik kann keine historische Analyse ersetzen. Sie kann jedoch einen Raum schaffen, in dem Fakten nicht abstrakt bleiben. Sie kann die Distanz zwischen Wissen und Betroffenheit verringern – vorausgesetzt, sie wird durch Kontext, Bilder, Gespräche und kritische Vermittlung ergänzt.

Darin liegt auch der Ansatz von Resistenza: zeitgenössische klassische Musik nicht als isoliertes Kunstobjekt vorzuführen, sondern mit filmischer Erzählung und politisch-historischer Einordnung in einen öffentlichen Zusammenhang zu stellen. Nicht damit Kunst zur Illustration einer These wird, sondern damit ihre Fragen hör-und sichtbar werden.

Musik als politische Sprache ist keine reine Zustimmung

Die wirksamste politische Kunst sagt ihrem Publikum nicht immer, was es ohnehin denkt. Sie kann Zugehörigkeit erzeugen, ja. Aber sie muss auch die bequemen Gewissheiten der eigenen Seite stören dürfen. Wo Musik nur noch Identität bestätigt, wird sie schnell zur Kulisse. Wo sie ausschließlich moralische Eindeutigkeit liefert, verliert sie die Fähigkeit, Widersprüche erfahrbar zu machen.

Das ist kein Plädoyer für Unentschiedenheit. Im Gegenteil: Kunst darf und soll Haltung zeigen, wenn Menschenwürde, Freiheit und historische Wahrheit angegriffen werden. Doch Haltung ist mehr als eine korrekte Botschaft. Sie zeigt sich darin, ob ein Werk die Komplexität seiner Gegenstände respektiert. Eine Komposition über Krieg, Flucht oder Verfolgung darf nicht so tun, als ließe sich das Grauen durch einen ästhetisch schönen Schluss versöhnen.

Politische Musik bleibt deshalb oft unbequem. Sie kann irritieren, überfordern, Fragen offenlassen. Das ist nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal. Manche Unverständlichkeit ist nur Pose. Aber ein Werk, das keine Reibung zulässt, wird selten lange nachwirken. Entscheidend ist, ob die ästhetische Form eine Erfahrung vertieft – oder ob sie sie bloß konsumierbar macht.

Die Grenze zur Propaganda verläuft nicht beim Pathos

Pathos ist nicht per se verdächtig. Menschen brauchen Formen für Trauer, Zorn, Hoffnung und Solidarität. Problematisch wird es dort, wo Musik Gefühle von Urteil und Verantwortung abkoppelt. Propaganda arbeitet mit Vereinfachung: Sie kennt nur Helden und Feinde, Reinheit und Verrat, Sieg oder Untergang. Sie verwandelt Geschichte in ein emotionales Drehbuch, in dem Zweifel als Schwäche erscheint.

Musik ist für solche Zwecke besonders geeignet, weil sie unmittelbarer auf den Körper wirkt als ein Leitartikel. Die großen politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts wussten das. Faschistische Inszenierungen setzten auf Gleichschritt, Masse und klangliche Überwältigung. Demokratische und emanzipatorische Bewegungen nutzten dagegen Lieder, um Gemeinschaft von unten zu bilden, Stimmen zu stärken und Angst in Handlungsfähigkeit zu überführen.

Doch die Trennlinie ist nicht immer sauber. Auch ein Widerstandslied kann später zur leeren Geste erstarren. Auch eine Nationalhymne kann in einem bestimmten Moment Schutz und Trost bedeuten. Kontext entscheidet mit: Wer singt? Unter welchem Risiko? Wer wird einbezogen, wer ausgeschlossen? Welche Bilder, historischen Deutungen und Machtverhältnisse begleiten den Klang?

Für ein Publikum in den USA wie in Europa ist diese Frage besonders dringlich. Öffentliche Debatten werden zunehmend in kurze, sofort verwertbare Signale zerlegt. Algorithmen belohnen Empörung, Eindeutigkeit und Wiederholung. Musik kann diese Logik bedienen. Sie kann aber auch ihr Tempo verweigern. Ein Konzert, ein Filmessay oder ein sorgfältig kuratiertes Hörformat fordert Zeit. Es schafft eine Aufmerksamkeit, die nicht sofort in Zustimmung oder Ablehnung zerfällt.

Warum ästhetische Bildung demokratische Bildung ist

Wer lernt, genau hinzuhören, lernt auch, Ambivalenzen wahrzunehmen. Das ist keine luxuriöse Nebenkompetenz für Bildungsbürger. Es ist eine demokratische Fähigkeit. Politische Urteile brauchen Fakten und klare normative Maßstäbe. Sie brauchen zugleich die Bereitschaft, Erfahrungen ernst zu nehmen, die sich nicht in Statistiken oder Schlagworten erschöpfen.

Musikalische Bildung bedeutet daher nicht, einen Kanon auswendig zu beherrschen oder Fachbegriffe vorführen zu können. Sie bedeutet, Form als Bedeutung zu hören. Warum wiederholt sich ein Motiv? Was bringt die eine erwartete Auflösung zum Abbruch? Warum klingt eine einzelne Stimme gegen ein Kollektiv an? Solche Fragen öffnen einen Zugang, der weder naiv emotional noch akademisch verschlossen ist.

Das verlangt gute Vermittlung. Historischer Kontext darf nicht zur Fußnote werden, während das Werk unangetastet auf einem Sockel steht. Umgekehrt darf Musik nicht zum bloßen Anschauungsmaterial politischer Bildung schrumpfen. Die produktive Spannung entsteht, wenn Analyse und ästhetische Erfahrung einander ernst nehmen.

Der öffentliche Raum braucht mehr als Hintergrundmusik

Die zentrale Frage lautet nicht, ob jede Musik politisch ist. Das wäre eine Formel, die am Ende nichts mehr erklärt. Die bessere Frage lautet: Unter welchen Bedingungen wird Musik politisch lesbar und wirksam? Sie wird es, wenn sie Machtverhältnisse hörbar macht, Erinnerung trägt, Gemeinschaften bildet oder die Sprache der Herrschenden unterbricht. Sie wird es auch, wenn sie sich der Nutzung für diese Zwecke verweigert und damit eine andere Form von Aufmerksamkeit erzwingt.

Kunst wird die politische Arbeit nicht erledigen. Sie ersetzt weder Recherche noch Protest, weder Wahlen noch den Schutz bedrohter Menschen. Aber ohne kulturelle Formen, die Erinnerung, Empathie und Widerspruch lebendig halten, verliert Politik ihren menschlichen Maßstab. Wer Musik ernst nimmt, hört deshalb nicht aus der Welt heraus. Er hört genauer hin, was diese Welt von uns verlangt.

Mit Schallwelten erweitert polit-rhythms.blog sein Spektrum um ein starkes, multimediales Format. Der Podcast ist nicht nur Begleitprogramm, sondern Herzstück eines neuen kulturell-politischen Zugangs. Er verbindet Klangkunst mit Analyse, Musik mit Haltung – und Humor mit gesellschaftlichem Ernst. Leser*innen des Blogs finden hier eine akustische Erweiterung der Themen, die bereits in Artikeln, Essays und Interviews verhandelt werden.

Die Integration von Schallwelten bedeutet mehr als einen neuen Menüpunkt. Es ist eine Einladung: an Künstlerinnen, Aktivistinnen, Denkerinnen und Hörerinnen, gemeinsam über die Rolle von Klang in der Gesellschaft nachzudenken. Wie klingt politische Hoffnung? Wie klingt Widerstand? Und wie klingt ein Witz, der zum Nachdenken bringt?

Der Podcast bietet ein offenes Forum für Diskussionen über Musik, Gesellschaft und politische Herausforderungen. Schallwelten macht hörbar, was oft übersehen wird – und bringt Menschen zusammen, die über Klang neue Wege der Verständigung suchen.

Der Mensch als politisches und soziales Wesen ist seit Jahrtausenden ein Topos der Philosophie.

Nach Aristoteles geht die Suche nach einem „guten Leben“ einher mit der Staatenbildung und der Entwicklung des Menschen zum sozialen und damit politischen Wesen. Fast 2 ½ Jahrtausende sind seit dieser Feststellung vergangen und einem „guten Leben“ für alle waren wir (zumindest in unseren westlichen Demokratien) noch nie so nahe wie in den vergangenen 80 Jahren. Dennoch verdunkelt sich dieses Bild im letzten Jahrzehnt zusehends und allenthalben wird von einer Krise des Westens gesprochen. Aberwitzige Heilsversprechen wechseln sich mit Verschwörungstheorien ab und die Protagonisten des rechten wie linken Lagers, welche sich nach dem letzten Krieg zu einem scheinbaren Konsens zusammengefunden hatten, gehen mit schonungsloser Härte auf einander los. Oft scheint es, dass es uns zu gut geht und wir in absurder Hybris denjenigen herausfordern wollten, der für die Benefizien der letzten Jahrzehnte verantwortlich war, nämlich uns selbst und unsere Mitmenschen.
Dabei zeigt sich flächendeckend in allen Demokratien westlichen Zuschnitts ein ähnliches Bild. Bürger bildungsfernerer Schichten neigen eher utopischen Versprechen politischer Parteien zu, als die von manchen politischen Demagogen zur „selbsternannte Eliten“ erklärten Menschen. Dabei ergibt sich ein paradoxes Ergebnis: eher einkommensschwache Menschen neigen dazu, Politiker zu wählen, die ihnen das genaue Gegenteil von dem versprechen, was ihre früheren Interessenvertreter für sie erreichten oder erreichen wollten. Oder anders herum: was bewegt einen Menschen in prekären finanziellen Verhältnissen dazu, jemanden zu wählen, der ihm unter dem Strich eine Zunahme seines Prekariats verspricht?
Die Kampflinien müssen sich also verschoben haben. Das materielle Missverhältnis und sein Leidensdruck ist einem Leidensdruck aufgrund mangelnder Bildung und daher mangelnder politischer Teilhabe gewichen. Da genau das unter anderen die meisten rechtspopulistischen Parteien begriffen haben und diese Saite virtuos bespielen, eilen sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.
Angesichts dieser Massenbewegungen fühlt sich das Individuum machtlos. Vielleicht sind wir dazu verdammt, einfach nur Zuseher zu sein, vielleicht sind wir auch nur Teil einer zyklischen Abwärtsbewegung, welche letztlich auch irgendwann wieder in eine Aufwärtsbewegung übergehen wird?

In jedem Fall muss es um Bildung gehen, und zwar nicht nur Bildung im Sinne von Akkumulation von Wissen, sondern auch um jene Art Bildung, welche man im 19. Jahrhundert noch „Herzensbildung“ nannte, also die Fähigkeit, sich in das Gegenüber einzufühlen, auch den politischen Gegner leben zu lassen und letztlich die Täter und Opfer der Vergangenheit in einer Art emphatischer Geschichtsschreibung zu verstehen.
Angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart starteten wir in einem der Covid-bedingten Lockdowns unser Projekt Resistenza, zunächst in innerfamiliären Diskussionen, laufend aber erweitert durch Hereinnahme von Meinungen von Freunden, musikalischen Arbeitskollegen und Studienkollegen, sowie Professoren aus dem Sektor Digital Arts. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Gruppe unserer „Musen“ von Monat zu Monat wuchs. War es zunächst noch ein allgemeines Unwohlsein angesichts des populistischen (rechten wie linken) Zeitgeistes, der uns vorantrieb, so war spätestens ab dem 24.2.2024, dem Einmarsch von Russland in der Ukraine, klar, dass auch ein machtloses Individuum sich den Zeitläuften stellen muss und Position beziehen kann.
Die mehrheitlich von Russland, aber leider auch immer wieder von Politikern des Westens dümmlich vorgetragene wechselseitige Behauptung, der Gegner sei faschistisch oder gar nationalsozialistisch, lässt nur einen Schluss zu. Der Begriff Faschismus wird mittlerweile so inflationär verwendet, dass er, angewandt auf eine bestimmte Personengruppe, nur falsch sein kann und sozusagen eher die subjektive Vorstellung eines allgemeinen „Bösen“ transportiert, als ein wissenschaftlich korrekter Begriff zu sein. Diesbezüglich sehr hilfreich ist die Lektüre von Roger Griffins „Fascism: An Introduction to Comparative Fascist Studies“.
Wie verknüpft man aber nun Politik, Film und Musik? Im Unterschied zur Wissenschaft, welche Theoreme prüft, verwirft oder bestätigt, meist faktenbasiert arbeitet und oft auch nicht auf Statistiken verzichten kann, ist die Kunst intuitiv, sie kann sich von Wissenschaft wohl inspirieren lassen, beantwortet aber keine Fragen, sondern stellt diese. Kunst verwendet Chiffren und Metaphern und ist deshalb oft nicht selbsterklärend.
Ganz besonders gilt dies für die Musik.
Die Verwendung eines zweiten Mediums, in unserem Fall des Films, kann zur Erklärung beitragen, kann aber auch, werden hier wieder (diesmal optische) Chiffren und Metaphern verwendet, den Inhalt noch rätselhafter machen. Wir waren uns von Anfang an bewußt, dass eine solche Vorgehensweise das Publikum vor gewisse Herausforderungen stellen musste.
In diesem Sinne haben wir versucht, Kontexte herzustellen, welchen manchen als Kategorienfehler erscheinen mögen, uns aber halfen, die schier unbewältigbare Menge an Daten zu bündeln.
Damit sind wir sozusagen direkt beim 1. Satz der Symphonie gelandet.Grundsätzlich bevorzugten wir von Beginn an die italienische Seite des Faschismus. Adornos „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ war nur allzu präsent. Die Monstrosität des deutschen Vorgehens in
dieser Zeit entzieht sich regelrecht jeder Vorstellungskraft und verhindert damit auch bis heute
jeden Akt der künstlerischen Darstellung.
Gewalt macht dem Künstler ja generell die Darstellung schwer, doch gibt es eine Art von Gewalt, welche in der Natur der Musik angelegt erscheint und den künstlerischen Zugriff durchaus ermöglicht.
Betrachtet man zudem aktuelle populistische Standpunkte und die Argumente der frühen Faschisten der 20er Jahre, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dabei grundsätzlich fast immer um niedrigste menschliche Neigungen, wie Neid, Gier, Faulheit, Stolz etc geht. Der Rekurs auf die klassischen christlichen Todsünden, wie sie auch Dante Alighieri in seiner Divina comedia drastisch mit Strafen belegt, war daher naheliegend.
Überhaupt Dante! Sein machtloses Anschreiben, seine persönliche „Resistenza“ gegen eine florentinische Politik, die in seinen Augen entmenschlicht und grausam war, spannte ab Beginn der Verfilmung der Symphonie ihren Bogen über die Thematik und gab die Chiffren und Metaphern vor.
So wurde der 1. Satz gleichsam musikalisch und filmisch ein Traum des Dichters, der vor den katastrophalen Auswirkungen dieses menschlichen Fehlverhaltens warnt. Im 13.Jahrhundert führten diese Verfehlungen zunächst zu einem Machtgewinn von Florenz, um später in die völlige politische Bedeutungslosigkeit zu münden. Das 20. Jahrhundert hatte für Italien ein ähnliches Schicksal bereit, allerdings quasi im Zeitraffer.
Dante selbst tritt dabei mehrfach auf und wird als Protagonist der „Herzensbildung“ am Ende des 1. Satzes von Mussolini in den Abgrund gestürzt. Zuvor werden exemplarisch an einem Urmenschen die Auswirkungen von Faulheit, Wolllust (der Macht), Gier, Neid, Zorn und Stolz dargestellt. Musikalisch bewegen wir uns dabei zwischen einer Art musikalischer Chiffrenbildung als Akt der persönlichen Psychohygiene und klassischer Programmmusik unter Verwendung verschiedener Kompositionstechniken. Sowohl Film wie auch Musik sollen allein stehen können, sich aber im Idealfall einer gemeinsamen Aufführung ergänzen.
Bezogen auf die Divina comedia befinden wir uns im Purgatorium.
Die Sünden sind noch rückgängig zu machen, wohingegen der 2. Satz in rasantem Tempo in die Katastrophe führt und somit dem Inferno nachempfunden ist. Der Aufstieg des Faschismus ist nun unumkehrbar. Die berüchtigte Rede Mussolinis zur Rechtfertigung der italienischen Rassegesetze in Triest 1938 wird zum rhythmischen Modell des Trompeteneinsatzes bereits in Takt 9. Von da an geht es zwar musikalisch noch ein wenig aufwärts, die Resistenza hatte sich noch nicht flächendeckend formiert. Ab Takt 63 setzt aber eine Lawine ein, die unter sich alles begräbt. Während des minutenlang anhaltenden Abstiegs werden nochmals die (im Sinne von Roger
Griffin) klassischen Mythen des Regimes evoziert (kulturelle Überlegenheit, Zentrum der Weltkirche, die Vittoria muttilata des 1. Weltkriegs (eine Entsprechung zur deutschen Dolchstoßlegende) und zuletzt das intellektuelle Konzept des Futurismus). Alles endet in einer Orgie aus Blut und Gewalt. Hier (ab Takt 153) regiert die Hölle der Gewalttäter und der Verräter. Wie auch das Inferno endet der 2. Satz nicht mit den Gewalttätern und ihrem Blutstrom, sondern in der Kälte des Verrats. Davon ist auch die Resistenza nicht ausgenommen. Es erfrieren am Ende alle und nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft leitet zuletzt zum 3.Satz über. Der 2. Satz endet mit der Partituranweisung „scharf abreissen“.
So klar, wie sich manche heute den 25.4.1945 vorstellen, war es aber nicht. Der Frieden beendete die multiplen Fehden und gegenseitigen Gewaltanwendungen gerade eben nicht. Man vermutet, dass mindestens noch 10.000 Menschen im Rahmen der Nachkriegsgewalt im Sinne von Rache und Gegenrache ums Leben kamen. Manche faschistischen Gewalttäter wurden noch während ihres Prozesses an den „corti d’assise“ (den Schwurgerichtshöfen) von der Menge im Gerichtsgebäude gelyncht. Der italienische Staat hatte einen schweren Beginn. Die musikalischen Themen des 1. Satzes nehmen wieder Gestalt an, sie sind nur jetzt tonaler und damit beruhigter gestaltet. Der Wiederaufbau ist in aller Interesse. Der Fokus aller liegt jetzt auf der Gestaltung des zukünftigen Staates. Soll er wieder eine konstitutionelle Monarchie wie vor dem Krieg oder eine Republik werden? Die Kräfte der Vernunft siegen 1946, die Monarchie wird abgewählt, ab Takt 25 übernimmt eine mehrstimmige Fuge langsam das Heft des musikalischen Handelns.
Nur die Flutkatastrophe des Jahres 1953, die fast zum Erliegen des republikanischen Kompromisses geführt hätte, kann nochmals in chaotische Zeit zurückführen. Ab dann beginnen jene 70 Jahre, auf die wir heute zurückblicken.
Ist es in diesen Jahren gelungen, die Menschen vom Wert der Vernunft zu überzeugen?
Kann eine Partei, wie die Fratelli d’Italia, den Weg der italienischen Verfassung weitergehen? Wie steht es mit den anderen populistischen Parteien in Europa ? Stehen wir vor einer Normalisierung und Einbindung dieser Parteien in den Verfassungsbogen oder vor einer neuen faschistischen Welle? Niemand weiß es und solange dies so ist, sollten wir wachsam sein. Dante hat seinen Fiebertraum ausgeträumt. Sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch, der Tanz der Sterne, mit welchem sein Paradiso endet, hat einige dunkle Flecken.
Dieser Skepsis ist unser Op.39, Resistenza gewidmet.

 Op.39 nähert sich in Metaphern der furchtbaren Zeit zwischen 1921 und 1945. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des folgenden Werkes hatte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein ganz mittlerweile totalitäres Regime lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land.

So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt sind wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen uns in den Sinn.

War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanen und die eigene Bevölkerung.

Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wird.

Im Film und der Symphonie gehen wir in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein. Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

In der Vorbereitung zu meiner symphonischen Dichtung „8. September“ habe ich mit zahlreichen Angehörigen der ANPI (assiciazione nazionale dei partigiani italiani) gesprochen, mit politisch uninteressierten „Normalitalienern“ und naturgemäß die historische Standardliteratur zum Thema Faschismus und Partisanen in Italien gewälzt. Bei der Frage nach einer Definition des Faschismus konnten mir die wenigsten weiterhelfen.

Das psychologische Profil des „Proto-Faschisten“ sollte aber der Inhalt des 1. Satzes meines symphonischen Werks werden, sodass es in den letzten beiden Jahren schon Momente gab, in welchen ich das Vorhaben schon fast aufgegeben hätte.

Erst die kurze Abhandlung „Faschismus, eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung“ von Roger Griffin hat mich in meinem Vorhaben wieder bestärkt. Die Definition „ein auf Mythen basiertes palingenetisches Narrativ einer ‚Ultranation“ ist für mich schon sehr schlüssig und erleichterte mir die Komposition des 1. und derzeit auch den 2. Satzes. Inwiefern diese Definition auch auf den derzeitigen Zustand des russischen Staates zutrifft, überlasse ich jedem Einzelnen.

Die Komposition ist wohl als Akt einer persönlichen Psychohygiene zu verstehen und als Versuch des Erkenntnisgewinns.

Grundsätzlich nimmt sich das Projekt zweier Problemfelder der klassischen Musik an und versucht auf eigene Weise einen Beitrag dazu zu leisten.

  1. Vermag nicht-vokale klassische Musik eine politische Botschaft zu vermitteln und wird in solchen Fällen die Symphonie zur Programmmusik bzw symphonischen Dichtung?
  2. Wie steht es um die Vermittlung klassischer (zumal in unserem Fall moderner klassischer) Musik an die Jugend? Welche Parameter (Rhythmus, Dauer, Verbildlichung etc) können dazu herangezogen werden?

 

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Nach militärischen Mißerfolgen und nach der Sitzung des Großen faschistischen Rates am 25. Juli 1943 wird der Führer Italiens Benito Mussolini, genannt il Duce, gestürzt und inhaftiert. Sein Amtsnachfolger, der Faschist Pietro Badoglio, erklärt am 8.September 1943 einen einseitigen Waffenstillstand mit den Alliierten Truppen, welche im Begriff sind, Italien von Süden her zu erobern. Dies hat zwei gravierende Konsequenzen: 1.Das nazionalsozialistische Deutschland „befreit“ wenige Tage danach den inhaftierten Duce aus seiner Haft am Gran Sasso und ordnet die Gründung der Republica sociale italiana in Salò sul Garda an. 2.Die versprengten italienischen Truppenteile im Norden des Landes versuchen einerseits nach Süden zu gelangen. Vielen Soldaten aber ist der Weg zu gefährlich und sie werden zu Keimzellen des sich formierenden Widerstandes gegen das nazionalsozialisische Deutschland und seine Marionettenregierung in Salò.

Nach einem Partisanenkampf, der in der europäischen Geschichte seinesgleichen sucht, wird am 25.April 1945 auch der Norden des Landes befreit. Das folgende Werk nähert sich in Metaphern der furchtbaren Zeit zwischen 1921 und 1945. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des folgenden Werkes hatte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt sind wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wird. Im Film und der Symphonie gehen wir in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein. Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Es wird behauptet, dass der jeweilige Gegner (sei es die Ukraine oder sei es dieNato) ein nationalsozialistisches Führungspersonal hätte. Auch in westlichen Medien taucht im Gegenzug immer wieder der Vorwurf auf, dass das russische Regime faschistisch sei, wenn auch in ungleich geringerer Frequenz. 

Ungeachtet der politischen Kurzsichtigkeit, die ein solches Argument zwangsläufig beinhaltet, ist es doch erstaunlich, bei wie vielen russischen Staatsbürgern und bei wie vielen Angehörigen der westlichen Kultursphäre ein solches Statement verfängt. 

In der Vorbereitung zu meiner symphonischen Dichtung „8. September“ habe ich mit zahlreichen Angehörigen der ANPI (assiciazione nazionale dei partigiani italiani) gesprochen, mit politisch uninteressierten „Normalitalienern“ und naturgemäß die historische Standardliteratur zum Thema Faschismus und Partisanen in Italien gewälzt. Bei der Frage nach einer Definition des Faschismus konnten mir die wenigsten weiterhelfen. 

Das psychologische Profil des „Proto-Faschisten“ sollte aber der Inhalt des 1. Satzes meines symphonischen Werks werden, sodass es in den letzten beiden Jahren schon Momente gab, in welchen ich das Vorhaben schon fast aufgegeben hätte. 

Erst die kurze Abhandlung „Faschismus, eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung“ von Roger Griffin hat mich in meinem Vorhaben wieder bestärkt. Die Definition „ein auf Mythen basiertes palingenetisches Narrativ einer ‚Ultranation“ist für mich schon sehr schlüssig und erleichterte mir die Komposition des 1. und dzt auch den 2. Satzes. inwiefern diese Definition auch auf den derzeitigen Zustand des russischen Staates zutrifft, überlasse ich jedem Einzelnen.

Die Komposition ist wohl als Akt einer persönlichen Psychohygiene zu verstehen und als Versuch des Erkenntnisgewinns.