Musik und Geschichte: Verrat, Dante und Verdis Otello – Schallwelten Folge 26 vom 2.2.2026

Verrat ist eines jener Worte, die sofort eine innere Spannung erzeugen. Kaum ausgesprochen, öffnen sich Assoziationsräume von Loyalität und Macht, von moralischem Scheitern, aber auch von struktureller Notwendigkeit. In der 26. Folge des Podcasts ‘Schallwelten’ steht genau dieses Spannungsfeld im Zentrum. Die Episode liefert reichhaltige Impulse für alle, die sich mit Musik und Geschichte, mit Literatur, Film und Politik auseinandersetzen. Dieser Artikel greift die zentralen Gedanken auf, vertieft sie historisch und musiktheoretisch und ordnet sie in größere gesellschaftliche Zusammenhänge ein.

Die sprachliche und etymologische Dimension des Verrats

Der Begriff Verrat ist tief in der deutschen Sprache und Kultur verankert. Er beschreibt nicht nur den Bruch eines Versprechens, sondern ein aktives Unterlaufen von Vertrauen. Sprachgeschichtlich verweist Verrat auf das Durchkreuzen von Plänen, auf das bewusste Offenlegen oder Zerstören dessen, was geschützt werden sollte. Interessant ist der Vergleich mit dem englischen Verb ‘to spoil’, das im kulturellen Kontext des Spoilerns eine abgeschwächte, fast spielerische Form des Verrats bezeichnet. Hier geht es nicht um existenzielle Loyalität, sondern um den Verlust von Spannung und Überraschung.

Diese Differenz ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Sie zeigt, wie kulturell geprägt unser Verständnis von Verrat ist. Während im Deutschen häufig eine moralische Schwere mitschwingt, wird Verrat in anderen Sprachräumen stärker funktional oder narrativ gedacht. Für die Analyse von Verrat in Musik, Literatur und Film ist diese Unterscheidung zentral. Sprache formt Wahrnehmung, und Wahrnehmung beeinflusst Interpretation. Auch Begriffe wie Treue, Loyalität oder Illoyalität gewinnen je nach kulturellem Kontext unterschiedliche normative Bedeutungen und beeinflussen gesellschaftliche Urteile.

Verrat in der Literatur und Musik und Geschichte: Dantes ‘Divina Commedia’

Kaum ein Werk hat das europäische Bild vom Verrat so nachhaltig geprägt wie Dantes ‘Divina Commedia’. In seiner Höllenarchitektur ordnet Dante die Sünden nicht nach gesellschaftlicher Sichtbarkeit, sondern nach moralischer Schwere. Verrat steht dabei an letzter Stelle. Im neunten Höllenkreis sind jene gefangen, die bewusst Vertrauen zerstört haben.

Bemerkenswert ist die Bildsprache: Die Verräter brennen nicht im Feuer, sie erstarren im Eis. Diese Kälte ist kein Zufall. Sie steht für emotionale Verhärtung, für die Abwesenheit von Mitgefühl. Verrat ist bei Dante kein Affekt, sondern eine kalkulierte Handlung. Figuren wie Judas, Brutus oder Cassius symbolisieren den Verrat an Gott, Freundschaft und politischer Ordnung. Dante verknüpft dabei antike Geschichte mit christlicher Moral.

Besonders eindrücklich ist die Episode um Ugolino della Gherardesca. Sein politischer Verrat führt zu grausamer Vergeltung, zur Einkerkerung und zum Hungertod. Dante zeigt hier, wie Verrat und Machtmissbrauch einander bedingen. Für den Unterricht in Literatur, Geschichte oder Ethik bietet diese Szene reiches Material, um über Verantwortung, Schuld und politische Gewalt zu diskutieren. Gleichzeitig reflektiert Dante seine eigene Exilerfahrung und politische Desillusionierung.

Musikalische Inszenierungen des Verrats

Verdis ‘Otello’: Der Monolog des Jago

In der Operngeschichte ist Jago eine der komplexesten Verräterfiguren. Giuseppe Verdi zeichnet ihn nicht als leidenschaftlichen Bösewicht, sondern als kalten Analytiker menschlicher Schwächen. In seinem berühmten Monolog im zweiten Akt bekennt Jago seinen Nihilismus. Er glaubt an nichts, weder an Gott noch an Moral.

Musikalisch ist dieser Verrat subtil inszeniert. Verdi verzichtet auf große dramatische Gesten. Stattdessen wirkt die Musik nüchtern, beinahe beiläufig. Das abschließende Lachen Jagos ist kein Triumph, sondern ein Zeichen innerer Leere. Gerade diese Zurückhaltung macht die Szene so verstörend. Der Verrat geschieht nicht aus Emotion, sondern aus Überzeugungslosigkeit und intellektuellem Zynismus.

Für die Analyse von Musik und Geschichte ist ‘Otello’ ein Schlüsselwerk. Es zeigt, wie Musik psychologische Abgründe hörbar machen kann, ohne sie plakativ auszustellen. Zugleich reflektiert die Oper koloniale, rassistische und machtpolitische Spannungen des 19. Jahrhunderts. Weitere musikgeschichtliche Perspektiven finden sich in der Interaktiven Timeline: Musik und Politik im 20. Jahrhundert – von 1918 bis heute.

Mahlers Sechste Symphonie: Verrat an der Hoffnung

Gustav Mahlers Sechste Symphonie wird oft als ‘Tragische’ bezeichnet. Sie ist ein Werk voller innerer Spannungen und gebrochener Versprechen. Obwohl Mahler sie in einer vergleichsweise glücklichen Lebensphase komponierte, wirkt die Musik wie eine Vorwegnahme kommender Katastrophen.

Die berühmten Hammerschläge im Finalsatz stehen symbolisch für das Zerschlagen von Hoffnung. Hier verrät die Musik ihre eigenen Aufbauprinzipien. Statt Erlösung folgt Zusammenbruch. Diese Form des Verrats ist strukturell. Sie richtet sich nicht gegen eine Figur, sondern gegen die Erwartung des Publikums und gegen das klassische symphonische Narrativ.

In der Musikgeschichte markiert dieses Werk einen Wendepunkt. Es zeigt, dass Symphonik nicht zwangsläufig auf Lösung oder Transzendenz zielt. Für Studierende der Geisteswissenschaften ist Mahlers Sechste ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Kunst gesellschaftliche Unsicherheit, Individualkrisen und Zukunftsängste reflektiert.

Akustische Täuschungen und der Tritonus in Musik und Geschichte

Die Podcast-Folge thematisiert auch akustische Paradoxa wie die Shepard-Skala oder den Tritonus, den sogenannten ‘Diabolus in Musica’. Diese Phänomene erzeugen gezielte Irritationen. Töne scheinen zu steigen oder zu fallen, ohne ihr Ziel zu erreichen. Wahrnehmung wird manipuliert.

Solche Effekte sind mehr als Spielereien. Sie eignen sich hervorragend als Metaphern für politische und soziale Täuschungen. Was wie Fortschritt klingt, kann Stillstand sein. Was bedrohlich wirkt, entpuppt sich als Illusion. Verrat zeigt sich hier auf der Ebene der Wahrnehmung selbst und macht hörbar, wie leicht Erwartungen unterlaufen werden können.

Verrat im Film: ‘Die Iden des März’

Der Film ‘Die Iden des März’ von George Clooney verlegt das Thema Verrat in die Welt moderner Wahlkampagnen. Der junge Stratege Steven Meyer beginnt als Idealist und endet als Zyniker. Schritt für Schritt lernt er, dass politische Systeme Loyalität belohnen, solange sie nützlich ist.

Der zentrale Verrat des Films richtet sich nicht nur gegen andere, sondern gegen das eigene moralische Selbstbild. Steven opfert seine Überzeugungen, um zu überleben. Der Film zeigt eindrücklich, wie Strukturen Verrat begünstigen. Macht wird nicht durch Integrität gesichert, sondern durch Kontrolle von Informationen, Medien und persönlicher Abhängigkeit.

Für den Bereich Musik und Politik ist dieser Film ein wichtiger Referenzpunkt. Er macht deutlich, dass Verrat kein Ausnahmezustand ist, sondern oft systemisch entsteht. Diese Erkenntnis ist auch für die Analyse historischer Diktaturen, populistischer Bewegungen und moderner Kommunikationsstrategien relevant. Weitere historische Zusammenhänge beleuchtet der Artikel Gabriele D’Annunzio und der Faschismus.

Verrat als gesellschaftliches und politisches Phänomen

Verrat ist selten nur individuell. In politischen Systemen entsteht er häufig dort, wo Interessen unvereinbar werden. Parteien, Bewegungen und Staaten leben von Loyalität, erzeugen aber zugleich Konkurrenz. Wer dazugehören will, muss sich anpassen. Wer sich anpasst, riskiert Selbstverrat. Studien zur politischen Psychologie zeigen, dass Gruppendruck moralische Entscheidungen massiv beeinflusst.

Gerade in autoritären Systemen wird Verrat zu einem Instrument der Macht. Informanten, Zensur und Propaganda schaffen ein Klima des Misstrauens. Musik und Kunst reagieren darauf oft mit Verschlüsselung oder Widerstand. Die Geschichte der verbotenen Musik im 20. Jahrhundert ist ohne dieses Spannungsfeld nicht zu verstehen und reicht von Schostakowitsch bis in die Popkultur.

Auch in demokratischen Gesellschaften bleibt Verrat präsent. Wahlversprechen werden gebrochen, Ideale relativiert. Der daraus entstehende Zynismus ist eine der größten Herausforderungen politischer Bildung. Wer alles für Verrat hält, verliert den Glauben an Veränderung und öffnet Radikalisierung Tür und Tor.

Fazit: Verrat als Spiegel menschlicher Erfahrung

Verrat ist ein unbequemes, aber unverzichtbares Analyseinstrument für Musik und Geschichte. Er zwingt dazu, über Loyalität, Macht und Moral nachzudenken. Ob bei Dante, Verdi, Mahler oder im politischen Film der Gegenwart: Verrat zeigt, wo Systeme brüchig werden.

Für Bildungseinrichtungen und kulturell engagierte Bürger bietet das Thema enorme Chancen. Es verbindet Literatur, Musikgeschichte, Film und Politik zu einem gemeinsamen Reflexionsraum. Wer Verrat versteht, versteht auch die Bedingungen von Vertrauen und die Fragilität sozialer Bindungen.

Die Auseinandersetzung mit Verrat schärft den Blick für Ambivalenzen. Sie hilft, einfache Schuldzuweisungen zu vermeiden und stattdessen Strukturen zu analysieren. Gerade in Zeiten politischer Krisen ist das eine unverzichtbare Kompetenz für mündige Teilhabe.

Musik und Geschichte erzählen keine Geschichten von Helden allein. Sie erzählen von Brüchen, von Verlust und von der Frage, wie viel Loyalität eine Gesellschaft aushält. Verrat ist dabei kein Randthema, sondern ein zentraler Spiegel menschlicher Erfahrung.

Mit Schallwelten erweitert polit-rhythms.blog sein Spektrum um ein starkes, multimediales Format. Der Podcast ist nicht nur Begleitprogramm, sondern Herzstück eines neuen kulturell-politischen Zugangs. Er verbindet Klangkunst mit Analyse, Musik mit Haltung – und Humor mit gesellschaftlichem Ernst. Leser*innen des Blogs finden hier eine akustische Erweiterung der Themen, die bereits in Artikeln, Essays und Interviews verhandelt werden.

Die Integration von Schallwelten bedeutet mehr als einen neuen Menüpunkt. Es ist eine Einladung: an Künstlerinnen, Aktivistinnen, Denkerinnen und Hörerinnen, gemeinsam über die Rolle von Klang in der Gesellschaft nachzudenken. Wie klingt politische Hoffnung? Wie klingt Widerstand? Und wie klingt ein Witz, der zum Nachdenken bringt?

Der Podcast bietet ein offenes Forum für Diskussionen über Musik, Gesellschaft und politische Herausforderungen. Schallwelten macht hörbar, was oft übersehen wird – und bringt Menschen zusammen, die über Klang neue Wege der Verständigung suchen.

Der Mensch als politisches und soziales Wesen ist seit Jahrtausenden ein Topos der Philosophie.

Nach Aristoteles geht die Suche nach einem „guten Leben“ einher mit der Staatenbildung und der Entwicklung des Menschen zum sozialen und damit politischen Wesen. Fast 2 ½ Jahrtausende sind seit dieser Feststellung vergangen und einem „guten Leben“ für alle waren wir (zumindest in unseren westlichen Demokratien) noch nie so nahe wie in den vergangenen 80 Jahren. Dennoch verdunkelt sich dieses Bild im letzten Jahrzehnt zusehends und allenthalben wird von einer Krise des Westens gesprochen. Aberwitzige Heilsversprechen wechseln sich mit Verschwörungstheorien ab und die Protagonisten des rechten wie linken Lagers, welche sich nach dem letzten Krieg zu einem scheinbaren Konsens zusammengefunden hatten, gehen mit schonungsloser Härte auf einander los. Oft scheint es, dass es uns zu gut geht und wir in absurder Hybris denjenigen herausfordern wollten, der für die Benefizien der letzten Jahrzehnte verantwortlich war, nämlich uns selbst und unsere Mitmenschen.
Dabei zeigt sich flächendeckend in allen Demokratien westlichen Zuschnitts ein ähnliches Bild. Bürger bildungsfernerer Schichten neigen eher utopischen Versprechen politischer Parteien zu, als die von manchen politischen Demagogen zur „selbsternannte Eliten“ erklärten Menschen. Dabei ergibt sich ein paradoxes Ergebnis: eher einkommensschwache Menschen neigen dazu, Politiker zu wählen, die ihnen das genaue Gegenteil von dem versprechen, was ihre früheren Interessenvertreter für sie erreichten oder erreichen wollten. Oder anders herum: was bewegt einen Menschen in prekären finanziellen Verhältnissen dazu, jemanden zu wählen, der ihm unter dem Strich eine Zunahme seines Prekariats verspricht?
Die Kampflinien müssen sich also verschoben haben. Das materielle Missverhältnis und sein Leidensdruck ist einem Leidensdruck aufgrund mangelnder Bildung und daher mangelnder politischer Teilhabe gewichen. Da genau das unter anderen die meisten rechtspopulistischen Parteien begriffen haben und diese Saite virtuos bespielen, eilen sie von Wahlerfolg zu Wahlerfolg.
Angesichts dieser Massenbewegungen fühlt sich das Individuum machtlos. Vielleicht sind wir dazu verdammt, einfach nur Zuseher zu sein, vielleicht sind wir auch nur Teil einer zyklischen Abwärtsbewegung, welche letztlich auch irgendwann wieder in eine Aufwärtsbewegung übergehen wird?

In jedem Fall muss es um Bildung gehen, und zwar nicht nur Bildung im Sinne von Akkumulation von Wissen, sondern auch um jene Art Bildung, welche man im 19. Jahrhundert noch „Herzensbildung“ nannte, also die Fähigkeit, sich in das Gegenüber einzufühlen, auch den politischen Gegner leben zu lassen und letztlich die Täter und Opfer der Vergangenheit in einer Art emphatischer Geschichtsschreibung zu verstehen.
Angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart starteten wir in einem der Covid-bedingten Lockdowns unser Projekt Resistenza, zunächst in innerfamiliären Diskussionen, laufend aber erweitert durch Hereinnahme von Meinungen von Freunden, musikalischen Arbeitskollegen und Studienkollegen, sowie Professoren aus dem Sektor Digital Arts. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Gruppe unserer „Musen“ von Monat zu Monat wuchs. War es zunächst noch ein allgemeines Unwohlsein angesichts des populistischen (rechten wie linken) Zeitgeistes, der uns vorantrieb, so war spätestens ab dem 24.2.2024, dem Einmarsch von Russland in der Ukraine, klar, dass auch ein machtloses Individuum sich den Zeitläuften stellen muss und Position beziehen kann.
Die mehrheitlich von Russland, aber leider auch immer wieder von Politikern des Westens dümmlich vorgetragene wechselseitige Behauptung, der Gegner sei faschistisch oder gar nationalsozialistisch, lässt nur einen Schluss zu. Der Begriff Faschismus wird mittlerweile so inflationär verwendet, dass er, angewandt auf eine bestimmte Personengruppe, nur falsch sein kann und sozusagen eher die subjektive Vorstellung eines allgemeinen „Bösen“ transportiert, als ein wissenschaftlich korrekter Begriff zu sein. Diesbezüglich sehr hilfreich ist die Lektüre von Roger Griffins „Fascism: An Introduction to Comparative Fascist Studies“.
Wie verknüpft man aber nun Politik, Film und Musik? Im Unterschied zur Wissenschaft, welche Theoreme prüft, verwirft oder bestätigt, meist faktenbasiert arbeitet und oft auch nicht auf Statistiken verzichten kann, ist die Kunst intuitiv, sie kann sich von Wissenschaft wohl inspirieren lassen, beantwortet aber keine Fragen, sondern stellt diese. Kunst verwendet Chiffren und Metaphern und ist deshalb oft nicht selbsterklärend.
Ganz besonders gilt dies für die Musik.
Die Verwendung eines zweiten Mediums, in unserem Fall des Films, kann zur Erklärung beitragen, kann aber auch, werden hier wieder (diesmal optische) Chiffren und Metaphern verwendet, den Inhalt noch rätselhafter machen. Wir waren uns von Anfang an bewußt, dass eine solche Vorgehensweise das Publikum vor gewisse Herausforderungen stellen musste.
In diesem Sinne haben wir versucht, Kontexte herzustellen, welchen manchen als Kategorienfehler erscheinen mögen, uns aber halfen, die schier unbewältigbare Menge an Daten zu bündeln.
Damit sind wir sozusagen direkt beim 1. Satz der Symphonie gelandet.Grundsätzlich bevorzugten wir von Beginn an die italienische Seite des Faschismus. Adornos „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ war nur allzu präsent. Die Monstrosität des deutschen Vorgehens in
dieser Zeit entzieht sich regelrecht jeder Vorstellungskraft und verhindert damit auch bis heute
jeden Akt der künstlerischen Darstellung.
Gewalt macht dem Künstler ja generell die Darstellung schwer, doch gibt es eine Art von Gewalt, welche in der Natur der Musik angelegt erscheint und den künstlerischen Zugriff durchaus ermöglicht.
Betrachtet man zudem aktuelle populistische Standpunkte und die Argumente der frühen Faschisten der 20er Jahre, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es dabei grundsätzlich fast immer um niedrigste menschliche Neigungen, wie Neid, Gier, Faulheit, Stolz etc geht. Der Rekurs auf die klassischen christlichen Todsünden, wie sie auch Dante Alighieri in seiner Divina comedia drastisch mit Strafen belegt, war daher naheliegend.
Überhaupt Dante! Sein machtloses Anschreiben, seine persönliche „Resistenza“ gegen eine florentinische Politik, die in seinen Augen entmenschlicht und grausam war, spannte ab Beginn der Verfilmung der Symphonie ihren Bogen über die Thematik und gab die Chiffren und Metaphern vor.
So wurde der 1. Satz gleichsam musikalisch und filmisch ein Traum des Dichters, der vor den katastrophalen Auswirkungen dieses menschlichen Fehlverhaltens warnt. Im 13.Jahrhundert führten diese Verfehlungen zunächst zu einem Machtgewinn von Florenz, um später in die völlige politische Bedeutungslosigkeit zu münden. Das 20. Jahrhundert hatte für Italien ein ähnliches Schicksal bereit, allerdings quasi im Zeitraffer.
Dante selbst tritt dabei mehrfach auf und wird als Protagonist der „Herzensbildung“ am Ende des 1. Satzes von Mussolini in den Abgrund gestürzt. Zuvor werden exemplarisch an einem Urmenschen die Auswirkungen von Faulheit, Wolllust (der Macht), Gier, Neid, Zorn und Stolz dargestellt. Musikalisch bewegen wir uns dabei zwischen einer Art musikalischer Chiffrenbildung als Akt der persönlichen Psychohygiene und klassischer Programmmusik unter Verwendung verschiedener Kompositionstechniken. Sowohl Film wie auch Musik sollen allein stehen können, sich aber im Idealfall einer gemeinsamen Aufführung ergänzen.
Bezogen auf die Divina comedia befinden wir uns im Purgatorium.
Die Sünden sind noch rückgängig zu machen, wohingegen der 2. Satz in rasantem Tempo in die Katastrophe führt und somit dem Inferno nachempfunden ist. Der Aufstieg des Faschismus ist nun unumkehrbar. Die berüchtigte Rede Mussolinis zur Rechtfertigung der italienischen Rassegesetze in Triest 1938 wird zum rhythmischen Modell des Trompeteneinsatzes bereits in Takt 9. Von da an geht es zwar musikalisch noch ein wenig aufwärts, die Resistenza hatte sich noch nicht flächendeckend formiert. Ab Takt 63 setzt aber eine Lawine ein, die unter sich alles begräbt. Während des minutenlang anhaltenden Abstiegs werden nochmals die (im Sinne von Roger
Griffin) klassischen Mythen des Regimes evoziert (kulturelle Überlegenheit, Zentrum der Weltkirche, die Vittoria muttilata des 1. Weltkriegs (eine Entsprechung zur deutschen Dolchstoßlegende) und zuletzt das intellektuelle Konzept des Futurismus). Alles endet in einer Orgie aus Blut und Gewalt. Hier (ab Takt 153) regiert die Hölle der Gewalttäter und der Verräter. Wie auch das Inferno endet der 2. Satz nicht mit den Gewalttätern und ihrem Blutstrom, sondern in der Kälte des Verrats. Davon ist auch die Resistenza nicht ausgenommen. Es erfrieren am Ende alle und nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft leitet zuletzt zum 3.Satz über. Der 2. Satz endet mit der Partituranweisung „scharf abreissen“.
So klar, wie sich manche heute den 25.4.1945 vorstellen, war es aber nicht. Der Frieden beendete die multiplen Fehden und gegenseitigen Gewaltanwendungen gerade eben nicht. Man vermutet, dass mindestens noch 10.000 Menschen im Rahmen der Nachkriegsgewalt im Sinne von Rache und Gegenrache ums Leben kamen. Manche faschistischen Gewalttäter wurden noch während ihres Prozesses an den „corti d’assise“ (den Schwurgerichtshöfen) von der Menge im Gerichtsgebäude gelyncht. Der italienische Staat hatte einen schweren Beginn. Die musikalischen Themen des 1. Satzes nehmen wieder Gestalt an, sie sind nur jetzt tonaler und damit beruhigter gestaltet. Der Wiederaufbau ist in aller Interesse. Der Fokus aller liegt jetzt auf der Gestaltung des zukünftigen Staates. Soll er wieder eine konstitutionelle Monarchie wie vor dem Krieg oder eine Republik werden? Die Kräfte der Vernunft siegen 1946, die Monarchie wird abgewählt, ab Takt 25 übernimmt eine mehrstimmige Fuge langsam das Heft des musikalischen Handelns.
Nur die Flutkatastrophe des Jahres 1953, die fast zum Erliegen des republikanischen Kompromisses geführt hätte, kann nochmals in chaotische Zeit zurückführen. Ab dann beginnen jene 70 Jahre, auf die wir heute zurückblicken.
Ist es in diesen Jahren gelungen, die Menschen vom Wert der Vernunft zu überzeugen?
Kann eine Partei, wie die Fratelli d’Italia, den Weg der italienischen Verfassung weitergehen? Wie steht es mit den anderen populistischen Parteien in Europa ? Stehen wir vor einer Normalisierung und Einbindung dieser Parteien in den Verfassungsbogen oder vor einer neuen faschistischen Welle? Niemand weiß es und solange dies so ist, sollten wir wachsam sein. Dante hat seinen Fiebertraum ausgeträumt. Sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch, der Tanz der Sterne, mit welchem sein Paradiso endet, hat einige dunkle Flecken.
Dieser Skepsis ist unser Op.39, Resistenza gewidmet.

 Op.39 nähert sich in Metaphern der furchtbaren Zeit zwischen 1921 und 1945. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des folgenden Werkes hatte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein ganz mittlerweile totalitäres Regime lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land.

So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt sind wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen uns in den Sinn.

War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanen und die eigene Bevölkerung.

Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wird.

Im Film und der Symphonie gehen wir in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein. Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

In der Vorbereitung zu meiner symphonischen Dichtung „8. September“ habe ich mit zahlreichen Angehörigen der ANPI (assiciazione nazionale dei partigiani italiani) gesprochen, mit politisch uninteressierten „Normalitalienern“ und naturgemäß die historische Standardliteratur zum Thema Faschismus und Partisanen in Italien gewälzt. Bei der Frage nach einer Definition des Faschismus konnten mir die wenigsten weiterhelfen.

Das psychologische Profil des „Proto-Faschisten“ sollte aber der Inhalt des 1. Satzes meines symphonischen Werks werden, sodass es in den letzten beiden Jahren schon Momente gab, in welchen ich das Vorhaben schon fast aufgegeben hätte.

Erst die kurze Abhandlung „Faschismus, eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung“ von Roger Griffin hat mich in meinem Vorhaben wieder bestärkt. Die Definition „ein auf Mythen basiertes palingenetisches Narrativ einer ‚Ultranation“ ist für mich schon sehr schlüssig und erleichterte mir die Komposition des 1. und derzeit auch den 2. Satzes. Inwiefern diese Definition auch auf den derzeitigen Zustand des russischen Staates zutrifft, überlasse ich jedem Einzelnen.

Die Komposition ist wohl als Akt einer persönlichen Psychohygiene zu verstehen und als Versuch des Erkenntnisgewinns.

Grundsätzlich nimmt sich das Projekt zweier Problemfelder der klassischen Musik an und versucht auf eigene Weise einen Beitrag dazu zu leisten.

  1. Vermag nicht-vokale klassische Musik eine politische Botschaft zu vermitteln und wird in solchen Fällen die Symphonie zur Programmmusik bzw symphonischen Dichtung?
  2. Wie steht es um die Vermittlung klassischer (zumal in unserem Fall moderner klassischer) Musik an die Jugend? Welche Parameter (Rhythmus, Dauer, Verbildlichung etc) können dazu herangezogen werden?

 

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Nach militärischen Mißerfolgen und nach der Sitzung des Großen faschistischen Rates am 25. Juli 1943 wird der Führer Italiens Benito Mussolini, genannt il Duce, gestürzt und inhaftiert. Sein Amtsnachfolger, der Faschist Pietro Badoglio, erklärt am 8.September 1943 einen einseitigen Waffenstillstand mit den Alliierten Truppen, welche im Begriff sind, Italien von Süden her zu erobern. Dies hat zwei gravierende Konsequenzen: 1.Das nazionalsozialistische Deutschland „befreit“ wenige Tage danach den inhaftierten Duce aus seiner Haft am Gran Sasso und ordnet die Gründung der Republica sociale italiana in Salò sul Garda an. 2.Die versprengten italienischen Truppenteile im Norden des Landes versuchen einerseits nach Süden zu gelangen. Vielen Soldaten aber ist der Weg zu gefährlich und sie werden zu Keimzellen des sich formierenden Widerstandes gegen das nazionalsozialisische Deutschland und seine Marionettenregierung in Salò.

Nach einem Partisanenkampf, der in der europäischen Geschichte seinesgleichen sucht, wird am 25.April 1945 auch der Norden des Landes befreit. Das folgende Werk nähert sich in Metaphern der furchtbaren Zeit zwischen 1921 und 1945. Entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des folgenden Werkes hatte der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt sind wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wird. Im Film und der Symphonie gehen wir in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein. Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

ad 1. Der Gegensatz von Wort und Musik wurde kulturphilosophisch über Jahrhunderte kontrovers diskutiert. Schon mit der Komposition der ersten rein instrumentalen Musikstücke stellte man sich die Frage, ob die Musik nicht wichtiger sei als die Worte und wer der Begleiter des anderen sein sollte. Als mit Mozart und Beethoven die absolute Musik ihren Siegeszug antrat, schien für einen kurzen Augenblick der explizite Inhalt von Musik in den Hintergrund gedrängt zu sein. Doch schon wenige Jahrzehnte darauf erlebte die Vokalmusik in Form der Oper eine gewaltige Renaissance. War der Inhalt der Barockoper noch mehr oder weniger eine Form der Panegyrik, so entwickelte sich speziell in Italien die Oper rasch zur politischen Kampfansage. Die Vokalmusik hatte sich somit einen Themenbereich erschlossen, welcher bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgegeben wurde. (siehe Bob Dylan, siehe Pussy riot).

Die non-vokale Musik hat es da deutlich schwerer. Zum einen ist ihr ein expliziter Inhalt mangels Worten nicht direkt anzuhören, zum anderen ist sie Kraft ihrer Herkunft eher dem ephemeren Bereich der Geisteswissenschaften zugeordnet. Eine Möglichkeit der Lösung bot lange Zeit die sogenannte Programmmusik an, eine Art musikalischer Beschreibung expliziter Inhalte. Paradoxerweise hat gerade Beethoven eines der ersten diesbezüglichen Werke (seine 6. Symphonie) komponiert. Die im 20 Jahrhundert zunehmend ausgefeiltere Filmmusik ist als eine direkte Tochter dieser Programmmusik zu verstehen.Während klassische Komponisten wie Bartok und Shostakovich versuchten ihren Musikstücken politische Inhalte zu geben (7.,8.und 10. Symphonie von Shostakovich, sowie Konzert für Orchester von Bartok), haben insbesondere italienische Filmkomponisten immer wieder Filme politischen Inhalts vertont.(Ennio Moricone in „1900″ von Bertolucci, und Nino Rota in der „Orchesterprobe“ und zuvor schon in „Liebe und Anarchie“ von Lina Wertmüller.

ad 2. Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht.

Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte und auch im normalen Konzertbetrieb nichts verloren hätte. Von einer Anschlussfähigkeit vor allem an jugendliches Publikum ganz zu schweigen. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen. Der Film und die Musik wollen sozusagen die Quadratur des Kreises: emotionaler Anschluss UND rationale Auseinandersetzung!

Einen gewissen, wenn auch zeitlich sehr fernen Anknüpfungspunkt bot uns in spezieller Weise Dante Alighieris Werk, auch weil beim Thema Italien Dante geradezu zwangsläufig ins Spiel kommt. Nicht nur in der Comedia, sondern vor allem auch der philosophischen Abhandlung De Monarchia libri tres geht Dante den Problemen von Machtausübung nach.

Er sieht dies Anfang des 14. Jahrhunderts natürlich vor dem ethischen Kodex der katholischen Kirche, seine Bildsprache ist dabei aber so überwältigend, dass sich deren Einbau in ein aktuelles politisches Geschehen geradezu aufdrängt. Die Bilder der Strafen für menschliches Fehlverhalten im sozialen Kontext sind so einprägsam, dass sie sozusagen für das Fehlverhalten selbst stehen können und sich einer filmischen wie auch musikalischen Darstellung anbieten.

Im Film und der Symphonie gehen wir deshalb in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens mit Hilfe dieser Bilder nach.

Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein und was führt letztlich zu seinem Sturz?

Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei?

In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden und ihren Strafen aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft.

Wir erzählen hier bewußt keine Geschichte, der Ur-oder Baummensch des Beginns entwickelt sich während des Fortgangs des 1.Satzes ganz allmählich, nimmt einmal die Gestalt eines Landmanns an und stellt wenig später wieder die Figur des auf seinen Profit bedachten Bürgers dar. Zu guter Letzt finden sich alle Prototypen am Ausgang des zu Beginn beschrittenen Labyrinths wieder.

Während Dante Alighieri am gegenüberliegenden Hang noch ein letztes Mal den Glanz der Zivilisation leuchten läßt, steht der Faschismus letztlich als großer Nutznießer all der vorhergehenden Verfehlungen da.

Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Hier ist Dante nicht nur der politische Phantast, sondern auch das Symbol für Kultur und Zivilisation schlechthin.

Der 2. Satz schildert den Faschismus zunächst als breite Bewegung, als Versprechen einer besseren Zukunft (Palingenese nach Roger Griffin), in welcher irrlichternd die 4 Mythen des Regimes in Rom auftauchen:

1.Das Italien der Renaissance, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet

2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung

3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und

4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit.

Danach geht es nur noch bergab. Eine Lawine begräbt alle Teile des öffentlichen Lebens, sie spart nicht einmal die Mythen aus, welche nun sinnentleert und hohl erscheinen und zunehmend Schaden nehmen.

Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dantes Inferno schlägt den Takt dazu.  Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Im Zentrum unserer Betrachtung stehen hier natürlich die Gewalt und der Verrat. die Auflösung aller zivilisatorischen Bindungen. Hier haben alle sozialen Strukturen aufgehört zu existieren. Es gibt nur noch Täter und Opfer.

Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat.

Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir derzeit nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen.

Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Der Bedeutungsverlust von klassischer Musik im 20. Jahrhundert wird nirgends so eindrücklich beschrieben wie in Alex Ross’ „The rest is noise“. Welche Parameter der Musik dazu beitragen, dass die 2-3 Minüter der Popkultur ein Massenpublikum finden, während die Konzerthäuser und Symphonieorchester dieser Welt sich immer schwerer tun, ihre Hallen zu füllen, wird nach wie vor heiß diskutiert. Aus unserer Sicht macht man es sich zu einfach, die Problematik einfach mit der sozialen Zugehörigkeit von bestimmten Stilrichtungen zu erklären. Es sind eher die unterschiedlich komplexen Angebote an unsere Wahrnehmung, welche die eine Stilrichtung anschlussfähiger machen und die andere weniger.

Bei einer Studie, welche die ARD in den Jahren 2004/2005 durchführte waren insbesondere die Begründungen des Desinteresses an klassischer Musik recht aufschlussreich.In der Wahrnehmung der E-Musikdistanzierten ist klassische Musik häufig langweilig (56 %), zu schwermütig (59 %), zu anstrengend (52 %) oder zu wenig abwechslungsreich (37 %). Inwiefern visuelle Darstellung der Inhalte der klassischen Musik diese erschreckenden Zahlen verbessern könnten, wurde aufgrund eines Mangels an Angebot begreiflicherweise nicht untersucht. Das Projekt „Resistenza – 8. September“ versucht nun, diesen beiden Problemfeldern Rechnung zu tragen. Die Idee zu dem Projekt entstand im Frühjahr 2022, als der politische Schock über den russischen Vernichtungskrieg in der Ukraine noch relativ frisch war.

Ein ganz offensichtlich faschistisches Regime (siehe die Definition von Roger Griffin) lässt seine politisch apathische Bevölkerung glauben, dass der Systemfeind, nämlich die liberal verfassten Demokratien, das „heilige“ Russland bedroht und entfesselt vor den Augen einer zunächst ungläubig beobachtenden Weltbevölkerung einen Vernichtungskrieg gegen ein viel kleineres Land. So ungläubig wir zunächst staunten, so entsetzt waren wir nun und manche Parallelen zum faschistischen Italien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen uns in den Sinn. War das Kriegsziel Italiens zunächst Nordafrika, so wendet sich nach 1943 der Vernichtungswille nach innen, gegen den inneren Feind, die sich rasch formierenden Partisanengruppen und die eigene Bevölkerung. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ein guter Teil dieser Partisanen seine Hoffnung gerade auf jenes Russland setzte, welches 80 Jahre später selbst zur mörderischen Imperialmacht wurde.

Von Anfang an war klar, dass eine politische Analyse nicht Inhalt einer Symphonie sein konnte. Vielmehr mußte die Auseinandersetzung metaphorischer Natur sein, was ja dem Wesen von Musik entspricht. Auch die filmische Darstellung, welche von uns im Bewusstsein der mangelnden Präzision von Musik gewählt wurde, durfte aber nicht zu explizit werden, wollten wir nicht schlicht einen Dokumentarfilm zur entstehenden Symphonie drehen.

Im Film und der Symphonie gehen wir nun in 3 Sätzen der Entstehung des liberal verfassten heutigen Italiens nach. Welche Voraussetzungen für die Entstehung eines faschistischen Regimes müssen überhaupt gegeben sein? Trägt nicht jeder von uns in bestimmten Situationen sein Scherflein dazu bei? In Traumbildern werden 6 gesellschaftliche Stände (Bauern, Klerus, Bürger, Arbeiter, Intellektuelle, Soldaten) mit 6 Todsünden aus Dante Alighieris Purgatorium verknüpft. Am Schluss des 1. Satzes steht der Faschismus als großer Nutznießer all dieser Verfehlungen da. Der politische Zyniker Mussolini stößt den idealistischen Dante Alighieri in den Abgrund. Der 2. Satz schildert den Faschismus als Lawine, welche sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unter sich begräbt. Dabei tauchen irrlichternd 4 Mythen des Regimes in Rom auf: 1.Das Renaissance Italien, welches die Fiktion der kulturellen Überlegenheit bietet, 2. Das klerikale Italien als Mythos der göttlichen Sendung, 3. Das Italien des 1. Weltkriegs und sein gestohlener Sieg (vittoria mutilata) als Pendant zur deutschen Dolchstoßlegende und 4. Das futuristische Italien mit seinen technischen Errungenschaften und seiner überlegenen Kraft und Geschwindigkeit. Entschiedene Gegenwehr entsteht in der Mitte des 2. Satzes. Die Partisanen nehmen den Kampf auf. Über alle politischen Gräben hinweg wird dieser Kampf geführt. Dante Alighieris Inferno schlägt den Takt dazu. Die Traumbilder und ihre musikalische Umsetzung nehmen darauf und auf das Standardwerk „I crimini di Salò“ Bezug. Erst der 3.Satz ordnet die ins Chaos gestürzte Welt. Ein langsamer, schmerzhafter Heilungsprozess setzt ein. Der Organismus wird gereinigt, wie im Aufstieg ins Paradiso von Dante Alighieri erhalten sämtliche Glieder des Staates wieder ihre Ordnung. Ein Tanz der Lichter beendet die Symphonie und den Film.

Neben der politischen Aussage des Werks versuchen wir durch Einbindung neuerer Medien und Techniken der Animation, der Stop Motion und der Collage die Spannung im Zuschauerraum hoch zu halten, obwohl das Werk ca 25 min Aufführungsdauer hat. Inwiefern es gelingen kann, auch E-Musikdistanzierte für diese neue Art von musikalischer Klassik zu begeistern, können wir dzt nicht beurteilen und wird wohl auch an der spezifischen PR der Veranstalter und den Rahmenbedingungen der Konzerte liegen. Im besten Falle löst das Werk eine lebendige Debatte über Musikwahrnehmung, politische Kultur und unsere Conditio Humana aus.

Es wird behauptet, dass der jeweilige Gegner (sei es die Ukraine oder sei es dieNato) ein nationalsozialistisches Führungspersonal hätte. Auch in westlichen Medien taucht im Gegenzug immer wieder der Vorwurf auf, dass das russische Regime faschistisch sei, wenn auch in ungleich geringerer Frequenz. 

Ungeachtet der politischen Kurzsichtigkeit, die ein solches Argument zwangsläufig beinhaltet, ist es doch erstaunlich, bei wie vielen russischen Staatsbürgern und bei wie vielen Angehörigen der westlichen Kultursphäre ein solches Statement verfängt. 

In der Vorbereitung zu meiner symphonischen Dichtung „8. September“ habe ich mit zahlreichen Angehörigen der ANPI (assiciazione nazionale dei partigiani italiani) gesprochen, mit politisch uninteressierten „Normalitalienern“ und naturgemäß die historische Standardliteratur zum Thema Faschismus und Partisanen in Italien gewälzt. Bei der Frage nach einer Definition des Faschismus konnten mir die wenigsten weiterhelfen. 

Das psychologische Profil des „Proto-Faschisten“ sollte aber der Inhalt des 1. Satzes meines symphonischen Werks werden, sodass es in den letzten beiden Jahren schon Momente gab, in welchen ich das Vorhaben schon fast aufgegeben hätte. 

Erst die kurze Abhandlung „Faschismus, eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung“ von Roger Griffin hat mich in meinem Vorhaben wieder bestärkt. Die Definition „ein auf Mythen basiertes palingenetisches Narrativ einer ‚Ultranation“ist für mich schon sehr schlüssig und erleichterte mir die Komposition des 1. und dzt auch den 2. Satzes. inwiefern diese Definition auch auf den derzeitigen Zustand des russischen Staates zutrifft, überlasse ich jedem Einzelnen.

Die Komposition ist wohl als Akt einer persönlichen Psychohygiene zu verstehen und als Versuch des Erkenntnisgewinns.