Ludwig van Beethoven mit der Partitur der Missa solemnis, gemalt von Joseph Karl Stieler 1820

Beethoven und Lyatoshynsky: Wer gehört zum musikalischen Kanon?

Beethoven und Lyatoshynsky: Warum kennt den einen fast jeder, während der andere im europäischen Konzertleben noch immer erklärt werden muss? Die bequeme Antwort lautet: Beethoven war eben das größere Genie. Doch damit setzen wir voraus, was wir erst untersuchen sollten. Denn musikalischer Ruhm entsteht auch durch Aufführungen, Institutionen und Geschichten, die eine Gesellschaft über sich selbst erzählt.

Der Podcast Schallwelten führt im Gespräch aus dem Bank Austria Salon in Wien vom 30. September 2026 drei Perspektiven zusammen: Alfred Huber fragt nach Kanon und Geniekult, der Historiker Ralf Grabuschnig nach Nationsbildung und ukrainischer Kulturgeschichte, Julia Ostroverkhova nach der praktischen Arbeit im Konzertbetrieb. Daraus ergibt sich eine Frage, die weit über zwei Komponisten hinausreicht: Wer bekommt die Gelegenheit, Teil unseres musikalischen Gedächtnisses zu werden?

Beethoven und Lyatoshynsky: Bekanntheit ist kein Qualitätsurteil

Beethoven gehört zu jenen Namen, die keiner Einführung bedürfen. Selbst wer selten klassische Musik hört, verbindet mit ihm eine Vorstellung: das schöpferische Genie, die überwundene Krise, den trotz zunehmender Ertaubung weiterarbeitenden Komponisten. Seine Musik und seine Lebensgeschichte haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben.

Borys Lyatoshynsky, auch als Borys Ljatoschynskyj oder Boris Lyatoshinsky bekannt, lebte von 1895 bis 1968. Er war ein ukrainischer Komponist, Dirigent und Lehrer, studierte am Kyjiwer Konservatorium und unterrichtete später selbst dort. Zu seinem Werk gehören fünf Sinfonien, Opern und Kammermusik, darunter zwei Klaviertrios und das Ukrainische Quintett. Diese biografischen Eckdaten dokumentiert auch das ukrainische Komitee des Taras-Schewtschenko-Nationalpreises.

Seine geringere Bekanntheit außerhalb der Ukraine verrät zunächst etwas über die Verbreitung seiner Musik. Ein Urteil über deren Qualität ist damit noch nicht gefällt. Wer ein Werk nie hören konnte, kann es weder lieben noch ablehnen. Genau hier beginnt die politische Dimension des Repertoires.

Wie entsteht ein musikalischer Kanon?

Als musikalischen Kanon bezeichnen wir den Kreis von Werken, die dauerhaft als bedeutend gelten: Man soll sie kennen, sie werden unterrichtet, aufgeführt und als Maßstab herangezogen. Eine zentrale Instanz, die diese Auswahl verbindlich festlegt, gibt es nicht. Stattdessen wirken viele Entscheidungen zusammen.

Konzerthäuser wählen Programme aus. Verlage halten Noten verfügbar. Lehrende entscheiden, welche Stücke ihre Studierenden erarbeiten. Rundfunk, Kritik und Tonträger vermitteln Vorstellungen davon, was wichtig ist. Geld, Netzwerke und der Zugang zu Bühnen beeinflussen, welche Musik überhaupt in diesen Kreislauf gelangt.

Wiederholung verstärkt diesen Prozess. Was oft gespielt wird, wird vertraut. Vertraute Namen erleichtern die Programmplanung, weil Veranstalter mit ihnen Erwartungen verbinden können. Dadurch erhalten dieselben Werke weitere Aufführungen. Unbekannte Musik muss dagegen häufig erst ihre Berechtigung erklären, bevor ein einziger Ton erklingt.

Der Kanon ist nicht einfach die Bestenliste der Geschichte, sondern auch das Ergebnis davon, wer Geschichte schreiben durfte.

Diese Zuspitzung aus dem Podcast Schallwelten bestreitet keine künstlerische Leistung. Sie macht die Bedingungen sichtbar, unter denen wir Leistung wahrnehmen. Wer sich dafür interessiert, findet weitere Überlegungen im Beitrag Musik als politische Sprache.

Wenn aus Bewunderung Geniekult wird

Beethovens Lebensgeschichte besitzt eine besondere erzählerische Kraft. Ein Komponist verliert ausgerechnet den Sinn, den wir unmittelbar mit seiner Kunst verbinden, und arbeitet dennoch weiter. Darin liegen Tragik, Widerstand und die Hoffnung, dass schwierige Voraussetzungen nicht das letzte Wort haben müssen.

Solche Geschichten bewegen uns. Problematisch wird es, wenn die Erzählung vom außergewöhnlichen Menschen die Beschäftigung mit seiner Arbeit ersetzt. Dann erscheint große Kunst als geheimnisvoller Ausdruck eines einzigartigen Inneren. Handwerk, Tradition, Austausch und Überarbeitung verschwinden hinter dem Bild des Genies.

Alfred Huber bezeichnet diesen Übergang im Podcast Schallwelten zugespitzt als eine Art „Protonarzissmus“. Gemeint ist eine kulturelle Form der Überhöhung, keine psychologische Diagnose Beethovens. Aus der Bewunderung einer Leistung wird die Verehrung einer Person, der man unter Umständen sogar eine moralische Sonderstellung zugesteht.

Rücksichtslosigkeit kann dann als Kompromisslosigkeit erscheinen, Dominanz als Vision. Die Frage nach der Qualität eines Werkes wird mit der Frage verwechselt, welches Verhalten wir seinem Urheber erlauben. Dieses Muster reicht bis in eine Gegenwart, in der Menschen ständig aufgefordert werden, sich als unverwechselbare Marke zu präsentieren.

Nation und Kultur: Wer darf seine Geschichte erzählen?

Ralf Grabuschnig erweitert den Blick um die Geschichte nationaler Zugehörigkeit. Nationen in ihrer modernen Form sind historisch entstanden. Im Europa des 19. Jahrhunderts verbanden sich staatliche Zentralisierung, gemeinsame Verwaltungssprachen und politische Bewegungen mit einem romantischen Interesse an Volksliedern, Märchen und Herkunft.

Musik konnte dabei Zugehörigkeit hörbar machen. Kulturelle Leitfiguren wurden zu Trägern gemeinsamer Erinnerung. Beethovens Bonner Denkmal von 1845 zeigt, wie öffentlich diese Verehrung bereits früh organisiert wurde. Der Beethoven-Rundgang der Stadt Bonn beschreibt die Initiative und Franz Liszts Unterstützung. Später band Richard Wagner Beethoven ausdrücklich in eine deutsche nationale Erzählung ein.

Für die ukrainische Kultur galten andere Voraussetzungen. Die Gebiete der heutigen Ukraine gehörten im 19. Jahrhundert zum Russischen Reich beziehungsweise zur Habsburgermonarchie. Ein eigener ukrainischer Staat, der die kulturelle Nationalbewegung hätte tragen können, existierte damals nicht.

Sprache, Dichtung und Volksmusik gewannen deshalb besonderes Gewicht. Taras Schewtschenko wurde zu einer zentralen Figur dieser Selbstverständigung. Zugleich begegnete die russische Staatsmacht ukrainischer Eigenständigkeit mit Repression. Das Walujew-Zirkular von 1863 schränkte ukrainischsprachige Veröffentlichungen erheblich ein, insbesondere religiöse und pädagogische Literatur. Eine historische Untersuchung im Kyiv-Mohyla Humanities Journal arbeitet die Folgen für die literarische Öffentlichkeit heraus.

Wo einer Kultur die Mittel zur öffentlichen Verbreitung entzogen werden, sind auch ihre Chancen auf dauerhafte internationale Sichtbarkeit beeinträchtigt. Den Zusammenhang von Musik und nationaler Selbstdeutung vertieft die Schallwelten-Folge Wenn Musik Nationen gebiert.

Lyatoshynsky und die Grenzen kultureller Unabhängigkeit

Die Situation im Zarenreich lässt sich nicht unverändert auf die Sowjetunion übertragen. In Lyatoshynskys Lebenszeit gab es musikalische Institutionen, Ausbildungswege und berufliche Netzwerke. Seine Tätigkeit am Kyjiwer Konservatorium ist dafür ein Beispiel.

Institutionelle Einbindung bedeutete jedoch keine ungehinderte künstlerische Freiheit. Lyatoshynsky musste sich mit den Erwartungen und Eingriffen des sowjetischen Staatsapparats auseinandersetzen. Eine eigenständige musikalische Sprache und eine ukrainische kulturelle Position konnten politische Konflikte auslösen. Für die Rezeption zählt deshalb auch, unter welchen Bedingungen Werke aufgeführt und weitergegeben werden konnten.

Auch die ukrainische Unabhängigkeit von 1991 veränderte nicht schlagartig alle kulturellen Gewohnheiten. Ausbildungsprogramme, Repertoire und Vorstellungen musikalischer Bedeutung waren über Jahrzehnte gewachsen. Julia Ostroverkhova betont im Podcast Schallwelten, dass die Beschäftigung mit der eigenen Kulturgeschichte aus ihrer Sicht besonders seit 2014 und nochmals seit 2022 an Dringlichkeit gewonnen hat.

Der Begriff „Wiederentdeckung“ verdient dabei Aufmerksamkeit. Lyatoshynsky war in der Ukraine eine bekannte Persönlichkeit. Für viele Menschen in Wien, Berlin oder Paris handelt es sich dagegen um eine erste Begegnung. Von einer verspäteten europäischen Entdeckung zu sprechen, macht diesen Unterschied deutlicher.

Wann wird aus Solidarität dauerhaftes Repertoire?

Im Konzertalltag zeigt sich der Kanon daran, wie viel erklärt werden muss. Ein Beethoven-Programm besitzt einen Vertrauensvorschuss. Bei Lyatoshynsky beginnen Gespräche mit Veranstaltern oft früher: Wer ist dieser Komponist? Warum sollte unser Publikum seine Musik hören? Wie vermitteln wir das Werk?

Die verstärkte Aufmerksamkeit für die Ukraine hat nach Ostroverkhovas Einschätzung Türen geöffnet. Solidarität kann eine erste Aufführung ermöglichen. Ein dauerhafter Platz im Musikleben entsteht jedoch erst, wenn weitere Begegnungen folgen und sich Musikerinnen und Musiker aus künstlerischer Überzeugung mit den Werken beschäftigen.

Dafür braucht es eine fortgesetzte Zusammenarbeit:

  • Veranstalter und Ensembles nehmen Werke wiederholt in ihre Programme auf.
  • Verlage und Archive machen verlässliches Notenmaterial zugänglich.
  • Labels und Rundfunk sorgen dafür, dass Interpretationen über einen Konzertabend hinaus gehört werden.
  • Musikhochschulen und Lehrende geben das Repertoire an die nächste Generation weiter.

So kann auf eine erste Begegnung eine zweite und dritte folgen. Aus Neugier wächst Vertrautheit. Musikgeschichte wird auf diese Weise auch durch heutige Programmentscheidungen geschrieben.

Europäische Musikgeschichte weiter hören

Ukrainische Musik sollte dabei nicht auf ihre Herkunft oder die aktuelle politische Lage reduziert werden. Beides ist für ihr Verständnis bedeutsam. Doch ein Werk braucht auch die Möglichkeit, mit seinen eigenen musikalischen Fragen wahrgenommen zu werden.

Lyatoshynsky kurzerhand zum „ukrainischen Beethoven“ zu erklären, würde diese Eigenständigkeit verdecken. Interessanter ist, welche Beziehungen zwischen Werken hörbar werden. Im Podcast Schallwelten beschreibt Ostroverkhova diesen Gedanken anhand eines Programms, in dem Pärt und Silvestrov auf Mozart blicken und Alfred Huber mit Plus Lucis in einen gegenwärtigen Dialog mit Beethoven tritt.

Eine solche Programmgestaltung erweitert die Vorstellung europäischer Musikgeschichte. Neben Wien, Leipzig, Berlin und Paris treten Kyjiw, Lwiw und Charkiw deutlicher ins Bewusstsein. Ukrainische Musik gehört zu dieser Geschichte; wir müssen ihr die entsprechenden Begegnungen ermöglichen.

Der produktive Ausgang der Frage nach Beethoven und Lyatoshynsky wäre deshalb ein Publikum, das nach dem ersten Hören ein zweites Mal zuhören möchte. Welche Musik hat bei Ihnen zuletzt diesen Wunsch geweckt?

Häufige Fragen zu Beethoven und Lyatoshynsky

Warum ist Beethoven bekannter als Lyatoshynsky?

Beethovens Musik wurde über Generationen durch Aufführungen, Ausbildung, Verlage und wirkmächtige Erzählungen vermittelt. Lyatoshynskys internationale Verbreitung entwickelte sich unter anderen politischen und institutionellen Bedingungen. Der Unterschied in der Bekanntheit allein ist kein Beleg für einen entsprechenden Unterschied in der musikalischen Qualität.

Was bedeutet musikalische Kanonbildung?

Damit ist der Prozess gemeint, durch den bestimmte Werke dauerhaft als bedeutend gelten. Wiederholte Aufführungen, Lehre, Kritik, Aufnahmen und kulturelle Wertvorstellungen wirken dabei zusammen.

Muss für ukrainische Musik weniger Beethoven gespielt werden?

Das Anliegen des Podcasts Schallwelten ist eine Erweiterung des Repertoires. Beethoven und Lyatoshynsky können gemeinsam auf einem Programm stehen und als eigenständige Stimmen gehört werden.


Textgrundlage: Redaktionelle Bearbeitung des Podcasts Schallwelten zum Thema „Was ist der Unterschied zwischen Beethoven und Lyatoshynsky“ mit Alfred Huber, Ralf Grabuschnig und Julia Ostroverkhova, Bank Austria Salon, Wien, 30. September 2026. Der Beitrag fasst die Perspektiven der Beteiligten zusammen und ist kein Wortprotokoll.

Bildnachweis: Joseph Karl Stieler, Ludwig van Beethoven mit der Partitur der Missa solemnis, 1820. Gemeinfreies Gemälde; Reproduktion über Wikimedia Commons, dort als Public Domain ausgewiesen.