Wer auf die Geschichte der Medizin zurückblickt, fühlt sich schnell überlegen. Die Folgen 41 und 42 von Schallwelten beginnen deshalb mit einer Warnung vor der bequemen Erzählung vom „finsteren Mittelalter“:
„Wissen ist immer der Stand von jetzt – nicht die Wahrheit für immer. Wissenschaft ist ein stetiger Prozess.“
– Katrin
Menschen erklärten Krankheit mit dem Wissen und den Möglichkeiten ihrer Zeit – genau wie wir es heute tun.
Mittelalterliche Medizin: mehr als Aberglaube
Im europäischen Mittelalter gab es Gelehrtenmedizin. Klöster waren Orte der Überlieferung und Versorgung; daneben wirkten Ärzte, Chirurgen, Hebammen und Bader. Die Vier-Säfte-Lehre des hippokratischen Corpus, später von Galen systematisiert, prägte das Denken. Übersetzungen arabischsprachiger Werke bereicherten den lateinischen Westen; Salerno wurde zu einem Zentrum medizinischer Ausbildung.
Große Teile der Landbevölkerung erreichte dieses Wissen kaum. Dort verband Volksmedizin praktische Erfahrung mit religiösen und magischen Vorstellungen. Ein althochdeutscher Wurmsegen personifiziert das Leiden und befiehlt ihm:
„Geh hinaus, Wurm, mit deinen neun Wurmkindern. Raus aus dem Mark in den Knochen, aus dem Knochen ins Fleisch, aus dem Fleisch in die Haut, aus der Haut hinaus. Herr, so werde es!“
Der Wurmsegen ist nicht mit den Merseburger Zaubersprüchen gleichzusetzen. Deren Bearbeitung durch In Extremo schlägt in der Folge jedoch eine musikalische Brücke: Kreisende Wiederholungen lassen moderne Rockmusik rituell und beinahe zeitlos erscheinen.
Magie und Christentum waren keine sauber getrennten Welten. Viele Formeln enthalten Christus, Heilige oder Gebete; selten sind heidnisch-germanische Elemente wie im zweiten Merseburger Zauberspruch. Rituale versprachen vor allem, in Krankheit und Ungewissheit wieder handeln zu können.
Als Beobachtung wichtiger wurde als Autorität
In Renaissance und Früher Neuzeit verschob sich der Maßstab des Wissens:
„An dessen Stelle rückt jetzt langsam aber unaufhaltbar die eigene Beobachtung – die Empirie.“
– Ralf
Humansektionen waren im Mittelalter nicht generell verboten, blieben aber selten und regional eingeschränkt. Andreas Vesalius stellte 1543 in De humani corporis fabrica die eigene anatomische Beobachtung gegen manche überlieferte Lehre. Leonardo da Vinci fertigte um 1508/09 mithilfe geschmolzenen Wachses einen Ausguss der Hirnventrikel eines Ochsen an. So begann experimentelle Beobachtung, ältere Vorstellungen zu korrigieren.
Paracelsus griff Dogmen an, Francis Bacon betonte Erfahrung und Experiment, René Descartes den methodischen Zweifel. William Harvey zeigte, dass das Blut im Kreis zirkuliert. Fortschritt verlief dennoch nie geradlinig: Franz Anton Mesmer postulierte einen „animalischen Magnetismus“. Mozart machte daraus in Così fan tutte Komödie, wenn Despina als verkleideter Arzt die vermeintlich Vergifteten mit magnetischen Mitteln „heilt“.
Der Körper wird hörbar und sichtbar
Mikroskop und Stethoskop erweiterten die Sinne des Arztes. Robert Hooke sah in Kork jene kleinen Kammern, die er „cells“ nannte; Antonie van Leeuwenhoek beobachtete unterschiedliche Mikroorganismen, seine „Diertgens“. 1816 entwickelte René Laennec das zunächst einohrige Hörrohr. Die Pariser Schule verband Befunde am Krankenbett zunehmend mit Obduktionen.
Im 19. Jahrhundert wurde Wien zu einem der maßgeblichen Zentren dieser neuen Medizin. Carl von Rokitansky systematisierte die klinisch-pathologische Korrelation, Rudolf Virchow rückte Veränderungen der Zellen ins Zentrum. Pasteur und Koch stärkten die Keimtheorie, Lister entwickelte die antiseptische Chirurgie weiter.
„Namen wie Rokitansky, Virchow, Pasteur, Koch und Lister waren neben Beethoven, Mozart und Schubert die Helden meiner Jugend.“
– Alfred
Beethovens „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit“ aus dem Streichquartett a-Moll op. 132 erinnert daran, dass Genesung weiterhin religiös gedeutet werden konnte.
Warum die Magie nicht verschwindet
Auch moderne Medizin beseitigt die Ungewissheit nicht. Freud suchte nach unsichtbaren Ursachen psychischer Symptome. Brittens Death in Venice macht Krankheit, Obsession und Kontrollverlust hörbar. Alban Bergs Wozzeck zeigt dagegen die dunkle Seite ärztlicher Autorität: Ein Mensch wird zum Versuchsobjekt und moralisch abgewertet.
„Medizin hat aber leider oder Gott sei Dank immer noch etwas Magisches an sich, und zwar im Bereich des Arzt-Patientenkontakts.“
– Alfred
Hoffnung, Erwartung und Zuwendung können Beschwerden und subjektives Erleben beeinflussen. Daraus folgt jedoch nicht, dass pseudomedizinische Erklärungen wahr werden:
„Das System kann gar nicht scheitern. Wirkt es, war es die Magie. Wirkt es nicht, hat man nicht fest genug geglaubt oder etwas falsch gemacht.“
– Katrin
Doppelblindstudien sollen Erwartungs- und Beobachterverzerrungen reduzieren – nicht Hoffnung „abschalten“.
„Der Unterschied zum Mittelalter ist also nicht, dass wir klüger geworden sind. Der Unterschied ist, dass die Leute damals keine Wahl hatten. Wir haben aber eine!“
– Katrin
Was bleibt?
Vom Wurmsegen zum Doppelblindversuch führt keine simple Erfolgsgeschichte vom Irrtum zur endgültigen Wahrheit. Der Fortschritt ist eine Haltung: beobachten, prüfen, transparent begründen, zweifeln und korrigieren. Wissenschaft darf irren. Sie muss aber so beschaffen sein, dass sie ihren Irrtum erkennen kann.
Die Musik in den Folgen 41 und 42
- In Extremo: „Merseburger Zaubersprüche“ – die moderne musikalische Annäherung an ein altes Ritual.
- Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte – Mesmers Magnetismus wird zur Opernkomödie.
- Ludwig van Beethoven: Streichquartett a-Moll op. 132 – Genesung zwischen neuer Kraft und Dank an die Gottheit.
- Benjamin Britten: Death in Venice – Krankheit, Obsession und zunehmender Kontrollverlust.
- Alban Berg: Wozzeck – ärztliche Autorität und der Mensch als Versuchsobjekt.
Die vollständigen Gespräche und Musikbeispiele hören Sie in den Schallwelten-Folgen 41 und 42.