Was wäre eine Verfolgungsjagd ohne treibende Musik? Und würde eine Liebesszene genauso wirken, wenn darunter bedrohliche Töne lägen? Schon diese beiden Fragen zeigen: Musik begleitet einen Film nicht nur. Sie verändert, wie wir seine Bilder verstehen.
In Schallwelten Folge 40 sprechen Alfred und Johannes über Filmmusik und klassische Musik. Ihre Leitfrage lautet: Ist beides dasselbe, sobald ein großes Orchester spielt? Die kurze Antwort: nicht automatisch. Beide Bereiche können sich aber überschneiden.
„Die lapidare Ansage, Filmmusik sei klassische Musik, kann aber so nicht stehen bleiben.“
– Alfred
Die kurze Antwort zuerst
- Filmmusik wird für einen Film komponiert oder für ihn ausgewählt. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Bilder und die Handlung zu unterstützen.
- Klassische Musik gehört zu einer langen musikalischen Tradition. Viele ihrer Werke wurden für den Konzertsaal geschrieben und folgen einem eigenen Aufbau.
- Beides kann zusammenkommen: Ein Filmscore kann klassische Techniken nutzen. Und ein Werk von Schubert kann in einem Film plötzlich eine neue Bedeutung erhalten.
Es geht also nicht darum, welche Musik „besser“ ist. Entscheidend sind ihr Ursprung, ihr Aufbau und ihre Aufgabe. Der Beitrag über absolute Musik in Schallwelten Folge 29 erklärt den begrifflichen Hintergrund.
Wie die Filmmusik ins Kino kam
Die ersten Filme hatten noch keine aufgezeichnete Tonspur. Im Kino saß deshalb oft ein Pianist. Er wählte passende Stücke aus, übertönte das Rattern des Projektors und gab den Bildern mehr Gefühl.
1908 schrieb Camille Saint-Saëns Musik für L’Assassinat du duc de Guise. Er stimmte sie genau auf die einzelnen Szenen ab. Das Werk gilt als eine der frühesten Filmmusiken eines damals bereits berühmten Komponisten.
Später arbeiteten Regisseure und Komponisten immer enger zusammen. Ein bekanntes Beispiel sind Sergej Eisenstein und Sergej Prokofjew mit Alexander Newski und Iwan der Schreckliche. Mehr dazu steht im Beitrag über die Geschichte der Filmmusik.
Wie Musik unsere Sicht auf Bilder verändert
Stellen wir uns ein leeres Haus vor. Sanfte Streicher machen es vielleicht gemütlich. Tiefe, unruhige Töne lassen dasselbe Haus gefährlich erscheinen. Die Bilder bleiben gleich – aber ihre Bedeutung verändert sich.
Eine einfache Einteilung zeigt drei Möglichkeiten:
- Die Musik verstärkt das Bild – Paraphrasierung: Schnelle Musik begleitet etwa eine Verfolgungsjagd.
- Die Musik deutet das Bild – Polarisierung: Erst die Musik entscheidet, ob das leere Haus freundlich oder bedrohlich wirkt.
- Die Musik widerspricht dem Bild – Kontrapunktierung: Eine fröhliche Melodie begleitet eine Gewaltszene und erzeugt dadurch Ironie oder Unbehagen.
Fünf Begriffe einfach erklärt
- Score: die für einen Film geschriebene Musik.
- Mood: Musik, die vor allem eine Stimmung erzeugt.
- Underscoring: Musik, die der Handlung sehr genau folgt.
- Mickey Mousing: eine besonders genaue Form des Underscorings. Fast jede Bewegung bekommt einen passenden Ton. Mehr dazu zeigt der Beitrag über Musik im Animationsfilm.
- Leitmotiv: eine kurze Melodie oder Tonfolge, die immer wieder mit derselben Figur oder Idee verbunden wird – etwa das Hai-Motiv in Der weiße Hai.
Läuft in einer Szene ein Radio, hören auch die Figuren die Musik. Dafür gibt es den Fachbegriff diegetische Musik. Musik, die nur das Publikum hört, heißt nichtdiegetisch. Der Beitrag über die Wirkung von Musik im Film erklärt beide Formen ausführlicher.
Eyes Wide Shut spielt mit diesem Unterschied. Schostakowitschs Walzer wirkt zuerst wie Musik nur für das Publikum. Dann schaltet Bill die Anlage aus. Jetzt erkennen wir: Der Walzer lief die ganze Zeit im Raum.
Wie klassische Musik ihre eigene Geschichte erzählt
Bei einer Filmszene geben Bilder und Schnitt oft vor, wie lange die Musik dauert. Ein Konzertstück kann seine Zeit dagegen selbst einteilen. Es stellt musikalische Gedanken vor, verändert sie und führt sie später zurück.
Die Sonatensatzform zeigt dieses Prinzip besonders deutlich. Ihr Ablauf lässt sich einfach zusammenfassen:
- Vorstellen – Exposition: Wir lernen die wichtigsten musikalischen Themen kennen.
- Verändern – Durchführung: Die Themen wandern, werden geteilt und neu zusammengesetzt.
- Zurückkehren – Reprise: Bekanntes Material kehrt wieder, klingt nun aber anders als am Anfang.
Mozarts Klaviersonate C-Dur KV 545 ist ein gutes Hörbeispiel. Zuerst stellt Mozart klare musikalische Gedanken vor. Dann verändert er sie und führt sie durch neue Tonarten. Am Ende kehren sie zurück. Auch ohne Fachwissen hört man: Die Musik ist aufgebrochen und wieder nach Hause gekommen.
Das bedeutet nicht, dass Filmmusik keinen eigenen Aufbau besitzt. Sie richtet sich nur häufiger nach Bild, Schnitt und Länge einer Szene. Folge 40 führt damit die Gedanken aus Schallwelten Folge 38 weiter.
Warum ein bekanntes Musikstück mehr erzählen kann
Hinweis: Die folgenden Beispiele enthalten leichte Spoiler zu „Füxe“ und „Barry Lyndon“.
„Wenn ich weiß, worüber oder in welchem Kontext ein Stück geschrieben wurde und die Geschichte dahinter kenne, kann ich als Künstler oder Regisseur mit dieser Musik in einen Austausch kommen oder eine Beziehung zu ihr herstellen.“
– Johannes
Johannes zeigt das an der ZDF-Serie Füxe. Der Student Adem Kameri gibt seine kosovarische Herkunft nicht preis. So bekommt er ein günstiges Zimmer in einem Corps und hofft auf bessere berufliche Chancen. Doch die falsche Identität bringt ihn in einen Konflikt zwischen Aufstieg, Freundschaft und Zugehörigkeit.
In einer wichtigen Szene erklingt Schuberts Vertonung von Wilhelm Müllers „Gute Nacht“. Das Lied gehört zur Winterreise, die Schubert 1827 komponierte und die 1828 veröffentlicht wurde. Die erste Zeile passt auffallend zu Adem: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Das Lied bringt mehr in die Szene als Traurigkeit. Es erinnert an Fremdsein, Heimat und Zugehörigkeit. Das ist eine heutige Lesart des Films – keine Behauptung über Schuberts persönliche Absicht.
„Die Musik sagt nicht nur: ‚Das hier ist ein trauriger Abschied.‘ Sie sagt gewissermaßen: ‚Diese Geschichte von Fremdheit und Zugehörigkeit ist älter als diese eine Figur. Sie steht in einem größeren kulturellen Zusammenhang.‘“
– Johannes
„Barry Lyndon“: falsche Zeit, richtige Wirkung
Stanley Kubricks Barry Lyndon spielt im 18. Jahrhundert. Trotzdem verwendet Kubrick Schuberts Klaviertrio Es-Dur D 929, op. 100 aus dem Jahr 1827. Das Stück stammt also aus einer späteren Zeit. Einen solchen Zeitfehler nennt man Anachronismus.
Hier ist dieser Anachronismus bewusst gewählt. Kubrick sagte in einem Interview über Barry Lyndon, dass er in der Musik des 18. Jahrhunderts nicht das passende tragische Liebesthema gefunden habe. Schuberts Musik klingt zärtlich, trägt aber bereits Trauer in sich. Dadurch ahnen wir früh, dass die Beziehung zwischen Barry und Lady Lyndon scheitern wird.
Kubrick kannte den Zeitunterschied und nutzte ihn bewusst. Historische Genauigkeit war ihm hier weniger wichtig als die Wirkung der Szene.
Ist Filmmusik nun klassische Musik?
Manchmal ja, manchmal nein – und oft ist diese Einteilung gar nicht die wichtigste Frage. Drei einfache Fragen helfen beim genauen Hinhören:
- Wurde die Musik eigens für den Film geschrieben oder aus einem älteren Werk übernommen?
- Wie ist die Musik aufgebaut?
- Was bewirkt sie in Verbindung mit den Bildern?
Ein Filmscore kann klassische Instrumente und Formen verwenden. Er bleibt trotzdem Musik, die für einen Film geschaffen wurde. Schuberts Klaviertrio bleibt klassische Musik. In Barry Lyndon erfüllt es zusätzlich die Aufgabe von Filmmusik. Gerade diese Doppelrolle macht die Szene so stark.
„Filmmusik ist tatsächlich zunächst einmal funktional, aber mit dem richtigen Fingerspitzengefühl vertieft sie die dramatische Aussage und diese wiederum gibt der Musik ihre Absolutheit zurück.“
– Alfred
Einfach gesagt: Gute Filmmusik dient der Szene und kann trotzdem auch für sich allein bestehen.
Die Musik in Schallwelten Folge 40
- Camille Saint-Saëns: L’Assassinat du duc de Guise, gespielt vom Ensemble Musique Oblique.
- Sergej Prokofjew: Filmmusiken aus der Zusammenarbeit mit Sergej Eisenstein.
- Maurice Jarre: Musik zu David Leans Doktor Schiwago.
- Wolfgang Amadeus Mozart: Klaviersonate C-Dur KV 545, gespielt von Leon McCawley.
- Franz Schubert: „Gute Nacht“ aus der Winterreise und das Klaviertrio Es-Dur D 929, op. 100, gespielt vom Trio La Gaia Scienza.
- Dmitri Schostakowitsch: Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester in Eyes Wide Shut, gespielt vom Russian State Symphony Orchestra unter Dmitry Yablonsky.
Ein Hörtest für den nächsten Film: Was würde eine Szene ohne ihre Musik bedeuten – und was verändert sich, sobald die Musik einsetzt?